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Ton Steine Scherben in der Tangente

Konzert Ton Steine Scherben in der Tangente

Ton Steine Scherben ohne den charismatischen Sänger und Texter Rio Reiser. Kann das gelingen, ohne lauwarm aufgewärmt zu wirken? Die beiden Ur-Scherben Bassist Kai Sichtermann und Schlagzeuger Funky K. Götzner haben mit Sänger Gymmick gezeigt, wie gut es funktionieren kann.

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Hommage statt Kopie: Sänger Gymmick (Mitte) mit den beiden Ur-Scherben Funky K. Götzner (links) und Kai Sichtermann (rechts).

Quelle: Eckermann

Göttingen. Freitagabend, 21 Uhr, vor der Göttinger Tangente stehen die Besucher im Regen Schlange. Auf dem Programm steht ein Konzert von Ton Steine Scherben. Das Trio hat ein Akkustik-Set im Gepäck. Ton Steine Scherben, eine der einflussreichsten deutschen Rockgruppen der 1970er und frühen 1980er Jahre, die besonders durch ihre sozial-kritischen Texte hervorstachen, ohne den charismatischen Sänger und Texter Rio Reiser. Klingt ein bisschen wie The Doors ohne Jim Morrison oder Nirvana ohne Kurt Cobain. Doch die beiden Ur-Scherben Bassist Kai Sichtermann und Schlagzeuger Funky K. Götzner haben mit Sänger Gymmick gezeigt, dass derartige Vorurteile völlig unberechtigt sind.

Gymmick singt rotzig-gebrochen wie Rio Reiser, der die Band 1970 in Berlin gegründet hat, und dennoch mit persönlicher Note. Er klingt nicht wie eine Kopie. Vielmehr ist sind seine Interpretationen der Scherben-Songs eine Hommage an den 1996 gestorbenen Sänger.

Dem Publikum gefällt es. Schon beim zweiten Song "Mein Name ist Mensch" wird getanzt. "Macht kaputt, was euch kaputt macht" skandieren selbst distinguierte Herren. Keiner der rotzig-anarchischen Scherben-Hits fehlt: "Keine Macht für Niemand", "Menschenfresser" oder der "Rauch-Haus-Song", den Reiser schrieb, nachdem die Band mit ihrem Publikum nach einem Auftritt 1971 einen ungenutzten Gebäudeteil des Kreuzberger Bethanien-Krankenhauses besetzt hatte.

Das Publikum ist textsicher.  Die beiden Ur-Scherben Sichtermann und Götzner spielen ihr Set routiniert. Man könnte sich spätestens beim ersten Nicht-Scherben-Song "Heroes" von David Bowie ins West-Berlin der 1970er versetzt fühlen, würde Gymmick die Songs nicht oft mit aktuellen Bezügen versehen.  "Menschenfresser heißen Erdogan und Trump", singt er zum Beispiel in "Menschenfresser". Auch der G-20-Gipfel wird thematisiert und die von US-Präsident Donald Trump proklamierten "Alternativen Fakten" lässt er in "Alles Lüge" einfließen.

Das Repertoire von Ton Steine Scherben ist groß. Die wütenden Protestsongs wechseln sich mit poetisch-melancholischen Liedern ab. "Halt dich an deiner Liebe fest" singt Gymmick mit dem Publikum. "Danke Rio, danke euch." Es wird heimelig. "Ihr seid toll." "Ihr auch"', schallt es aus dem Publikum zurück.

Nach zwei Stunden fordert das Publikum nicht nur eine, sondern zwei Zugaben. "Normal machen wir so was nicht, aber bei euch ist es so schön", sagt Gymmick und nimmt zum Reiser-Hit "Junimond" ein Bad in der singenden Menge. Am Ausgang schluchzt ein Rocker "es tut aber immer noch weh". Auch 2017 trifft dieser Song noch ins Herz, wie so viele andere Songs von Rio Reiser und den Scherben.

Der Traum ist noch lange nicht aus. Ton Steine Scherben haben gezeigt, dass ein derartiges Projekt funktionieren kann - oder wie es im Song "Jenseits von Eden" heißt: "heiß, heiß, kochend heiß", nicht nur lauwarm.

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Von Redakteur Marie Luise-Rudolph

Hier bloggen wir zu den Göttinger Händel-Festspielen 2017 – berichten von Vorbereitungen, besuchen Opernproben und werfen einen Blick hinter die Kulissen. mehr