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Totgeweihter Lear auf der Intensivstation

„Lear“ in der Staatsoper Kassel Totgeweihter Lear auf der Intensivstation

Allen Unkenrufen zum Trotz hält sich die schon so oft totgesagte Kunstform Oper beständig – und das Repertoire der Opernhäuser vermehrt sich auch stetig um zeitgenössische Werke. Zwei Werke aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts können dafür exemplarisch stehen: Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ und Aribert Reimanns „Lear“.

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Spaß auf dem Krankenlager: König Lear (Espen Fegran, links) und Graf Kent (Johannes An).

Quelle: Klinger

In den späten 1960er Jahren machte das Kasseler Staatstheater mit den „Soldaten“ Furore – nun eröffnete das Haus mit Reimanns „Lear“, einer der erfolgreichsten Opern der vergangenen 30 Jahre, die neue Spielzeit.

Die Anregung zu dem Werk nach Shakespeares düsterem Drama (an das sich Verdi nicht herangetraut hatte) stammt von dem Bariton Dietrich Fischer-Dieskau, der in der Münchener Uraufführung 1978 die Titelpartie sang. In Kassel war der norwegische Bariton Espen Fegran, seit vergangener Spielzeit Ensemblemitglied, mit dieser ungewöhnlich anspruchsvollen Aufgabe betraut: eine sängerische wie darstellerische Glanzleistung, die höchsten Respekt verdient.

Regisseur Paul Esterhazy verlegt Shakespeares Geschichte auf die Intensivstation eines Krankenhauses und führt die Handlung als Rückblende des todgeweihten Titelhelden vor. Die Konzentration auf einen einzigen Schauplatz verdichtet und intensiviert das Geschehen, auch wenn manche Zusammenhänge dann nicht bebildert werden, sondern vom Zuschauer rekonstruiert werden müssen.

Drei Krankenbetten dominieren die Bühne (Mathis Neidhardt), belegt von Lear in der Mitte, flankiert vom Narren (Dieter Hönig) und Gloster (Krzysztof Borysiewicz). Dank gleicher Kostüme (Pia Janssen) sind diese drei Personen einander zum Verwechseln ähnlich. Gleichartig gekleidet sind ebenfalls Lears Töchter Goneril, Regan und Cordelia sowie deren Partner Albany, Cornwall und France. Komplettiert wird die Szene durch ein Stationszimmer zur Linken, in dem die beiden Live-Videospezialisten Peer Engelbracht und Stephan Komitsch agieren, und einen gläsernen Gang hinter den Krankenzimmern. Die projizierten Live-Videos – teils Bilder der handelnden Personen, teils Nahaufnahmen medizinischer Gerätschaften – verstärken erheblich den Eindruck, sich als Zuschauer mitten im Geschehen zu befinden. Die Blendung ­Lears wird auf diese Weise im Zerdrücken zweier Hühnereier gespiegelt: eine beklemmende Darstellung von Brutalität, die ohne lächerliches Kunstblut auskommt.

Das Orchester ist nicht im Graben, sondern auf dem hinteren Teil der Bühne hinter einer halbtransparenten Wand platziert. Den fehlenden Blickkontakt der Solisten mit dem Dirigenten beheben die Subdirigentinnen Giulia Glennon und Xin Tan vorn an der Rampe. Mit dieser aufwendigen Veränderung hat das Produktionsteam die klangliche Balance zwischen Solisten und dem sehr stark besetzten Orchester hörbar verbessert: Stellenweise setzt Reimann die Instrumentalisten derart massiv ein, dass sich ein Solist kaum dagegen durchsetzen könnte.

So konnte dem Dirigenten Patrik Ringborg das beinahe Unmögliche gelingen, nämlich Reimanns Partitur bei aller Komplexität und Dichte doch immer wieder durchsichtig zu präsentieren. Die Intensität des musikalischen Ausdrucks war so bisweilen geradezu schmerzhaft gesteigert. Reimann ordnet dabei den Personen des Dramas eigene Farben zu – vom sanften Klang eines Streichquartetts bis hin zu vielfach oszillierenden Klangflächen und brutalen Schlagzeugattacken. Eine faszinierende Musik, die dem Text verpflichtet ist, seinen Gehalt auf stets nachvollziehbare Weise suggestiv ausdeutet.
Das gesamte Ensemble stellte sich dieser Aufgabe mit großem Einsatz auf sehr hohem musikalischem Niveau. Neben Espen Fegran seien hier stellvertretend Caroline Stein mit ihrem wunderschön lyrischen Sopran (Cordelia), Johannes An mit seinen mühelos erreichten Tenor-Höhen (Graf Kent) und der brillante Michael Hofmeister genannt, der in der Rolle des Edgar eine Tenorpartie, in der Verkleidung als wahnsinniger Tom eine Countertenor-Partie zu singen hat. Lona Culmer-Schellbach (Goneril) und Ruth-Maria Nicolay (Regan) agieren musikalisch wie darstellerisch überzeugend als machtgierige, abgrundtief böse intrigierende Schwestern Cordelias.

Wer sich dieser Oper stellt, darf keine musikalischen Streicheleinheiten erwarten, purer Wohlklang wäre bei einem Stoff wie „Lear“ wohl auch kaum angebracht. Das verursachte bei der Premiere etliche Lücken im Zuschauerraum nach der Pause. Doch die geblieben waren, zeigten sich nachhaltig begeistert – ebenso der 74-jährige Komponist, der zur Premiere aus Berlin angereist war und den Musikern eine Kusshand zuwarf.

Nächste Termine: 26. September (18 Uhr), 1., 6., 9. und 16. Oktober (19.30 Uhr). Spieldauer etwa drei Stunden, Kartentelefon 05    61   /   10    94    222.

Von Michael Schäfer

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