Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
„Tragödie des Zusammenpralls zweier Kulturen“

JT-Premiere: „Wut“ „Tragödie des Zusammenpralls zweier Kulturen“

"Möge Gott Scheiße über die regnen lassen, du faschistisches Arschloch!“ Noch vor dem Inkrafttreten des umstrittenen nationalen Integrationsplans 2007 schrieb Max Eipp das Buch zum Fernsehfilm „Wut“ und erhielt dafür im gleichen Jahr mit dem gesamten Team den Adolf-Grimme-Preis.

Voriger Artikel
Wie Orpheus seine Eurydike befreit
Nächster Artikel
Intendant Zurmühle muss gehen

Eine Familie in Aufregung: Felix (Sascha Werginz, l.) kommt verprügelt nach Hause. Vater Simon (Jan Reinartz) und Mutter Christa (Agnes Giese) sind ratlos.

Quelle: Eulig

Göttingen. Möge Gott Scheiße über die regnen lassen, du faschistisches Arschloch!“ Noch vor dem Inkrafttreten des umstrittenen nationalen Integrationsplans 2007 schrieb Max Eipp das Buch zum Fernsehfilm „Wut“ und erhielt dafür im gleichen Jahr mit dem gesamten Team den Adolf-Grimme-Preis. Hervorgehoben wurde von der Jury die „Tragödie des Zusammenpralls zweier Kulturen, die einander zutiefst fremd sind. Das pessimistische Bild gescheiterter Integration und eklatanter Hilflosigkeit auf beiden Seiten“. „Wut“, das am Freitag im Jungen Theater (JT) Göttingen unter der Regie von Andreas Döring Premiere hatte, zeigt die Welt zweier Jugendlicher, des Professorensohns Felix und des türkischen Gemüsehändlersohns  Can, dessen Gang Felix immer wieder abzieht. Es zeigt aber auch die Welt zweier unterschiedlicher Familien, deren Unvereinbarkeit bedrückend ist.

 Moral und Ehre, Begriffe, die im Theater als Institution der Aufklärung aber auch der Diskursbildung seit dem 18. Jahrhundert immer wieder eine zentrale Rolle gespielt haben, treffen hier in Form zweier noch immer unterschiedlicher, zum Teil antagonistischer Kulturen aufeinander. Und obschon es sich um ein Stück handelt, das, wie die blasse Erzählerinnenstimme monoton erläutert, niemanden kritisieren und niemandem die Schuld zuweisen wolle, das nur zeigen möchte, wie wichtig es sei, im richtigen Moment die Verantwortung zu übernehmen, spiegelt sich das Versagen der Integrationspolitik an den Wänden.  Schlicht und multifunktional ist das Bühnenbild, das Axel Theune entworfenen hat.  

„Mehr wie eine offene Tuberkulose aussieht“

 „Es gibt keine Garantie in diesem Spiel – oder was willst Du auf ein Kanakenehrenwort geben?“, fragt Can Felix’ Vater Simon, der sich als Vermittler der eignen Wertvorstellungen auf verlorenem Posten befindet. Als angehender Professor wirkt er nicht nur unendlich langweilig in seiner hilflosen, vermeintlichen Vorurteilsfreiheit, auch seine allzeit unterlegene Doppelmoral  transportiert Jan Reinartz glaubwürdig: Ein liberal-kleinkarierter  Feigling, der seine Aufgeschlossenheit angesichts der Realitäten nicht einhalten kann und nicht mehr weiter weiß, bis er schließlich – im Dunkel zwischen den nicht voll besetzen Rängen – doch noch explodiert. Die „offene Beziehung“ zu seiner Frau Christa (überzeugend : Agnes Giese), die „mehr wie eine offene Tuberkulose aussieht“, entpuppt sich als nicht minder fragiles Gebilde  ungelebter Ideologien.

Gintas Jocius als Can scheint ihm selbst als ausgestoßener, gewaltbereiter Underdog noch überlegen, rüttelt an allen auch nur erreichbaren Stellen des mit dem Geld des Schwiegervaters aufgemauerten Selbstbildes – und kann Sohn Felix (Sascha Werginz) für eine Weile mitnehmen.
Döring nimmt die Intensität des Stückes auf, die Bühne konkurriert auf den ersten Blick  mit der  distanzierteren Dichte eines anderen Mediums, mal gewinnt sie durch ihre Nähe und Präsenz, mal muss sie sich den Grenzen beugen und die Existenzialität preis geben. Dann aber gelingt es ihr, eine neue Ebene zu schaffen, deren Unmittelbarkeit nicht von der Hand zu weisen ist. Wenig hat sich für viele der drei Millionen Menschen in Deutschland mit türkischem Migrationshintergrund in den vergangenen fünf Jahren geändert: „Doch was tun, wenn die Gewalt nicht aufhört?“

Das Stück „Wut“ ist noch am 26. September zu sehen, im Oktober steht es am 2., 4., 10., 13., 19. und 23. auf dem Programm im Jungen Theater, Hospitalstraße 6 in Göttingen. Karten gibt es unter Telefon 05 51 / 49 50 15.

Von Tina Lüers

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier bloggen wir zu den Göttinger Händel-Festspielen 2017 – berichten von Vorbereitungen, besuchen Opernproben und werfen einen Blick hinter die Kulissen. mehr

Fotografie-Ausstellung „In saeculo lux“ in der Galerie Ahlers