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Tschaikowskys „Eugen Onegin“ in Kassel

Oper Tschaikowskys „Eugen Onegin“ in Kassel

Das Opernhaus Kassel hat mit Tschaikowskys „Eugen Onegin“ eine der populärsten Opern der russischen Romantik herausgebracht. Das Bühnenbild von Justyna Jaszczuk ist von Büchern beherrscht – die „lyrischen Szenen“, so der Untertitel der Oper, spielen sich auf Bücherstapeln ab.

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Beeindruckend: Jaclyn Bermudez in ihrer Rolle als Tatjana.         

Quelle: Klinger

Kassel. Damit ist ein wichtiger Aspekt der Oper deutlich ins Bild gesetzt: Tatjana, die introvertierte Schwester der lebenslustigen Olga, hat ihr Leben lang Romane verschlungen, um ihre Sehnsüchte, Träume und Wünsche in diese Fantasiewelten zu projizieren.

Der Bücher-Boden bietet keinen Raum für Gartenszenen, niedliche Schreibtischchen, Ballsäle oder Birkenwäldchen. Regisseurin Lisa Marie Küssner siedelt ihren „Onegin“ irgendwo in der Gegenwart an. Olga hört ihre Musik über Kopfhörer und fotografiert leidenschaftlich mit einer Polaroid-Kamera. Und die Bauern überbringen der Gutsherrin beim Erntefest auch keine Getreidegarben, sondern Bücher.

Keine dumme Idee. Auch wenn sie ein wenig überdeutlich präsentiert wird. Ihre Liebe zu Onegin schreibt Tatjana konsequenterweise nicht auf Briefpapier, sondern malt mit dickem Edding das Wort „Sehnsucht“ auf die Papierbahnen, die ihr Bücherreich als dünne Wände umgeben, im Lauf des Spiels immer höher wachsen und den Raum als Gefängnis erscheinen lassen, um im Moment der Katastrophe heruntergerissen zu werden. Ein eindrucksvoller Augenblick.

In diesem abstrakten Ambiente führt Regisseurin Küssner die Personen der Handlung sehr zielgerichtet. Dabei kann sie sich besonders auf die große Darstellungskunst von Jaclyn Bermudez (Tatjana) verlassen. Während des Orchestervorspiels ist sie auf der Bühne zu sehen, stumm, aber derart ausdrucksstark, dass sie auch ohne Gesang alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Ihr heller Sopran verfügt bruchlos über einen weiten Ambitus, ihren stimmlichen Ausdruck kann sie aufs Feinste differenzieren, ihre Dynamik reicht von zartem Pianissimo bis zu hell leuchtenden Spitzentönen: ein Hochgenuss. Marian Pop in der Titelpartie zeigt einen edel timbrierten Bariton, der vor allem in den Verzweiflungsausbrüchen der Schlussszene profunde Größe offenbart. Lenski, sein Widerpart, wird von Bassem Alkhouri ausgesprochen ausdrucksstark nachgezeichnet. Sein Tenor klingt auch in den Spitzenlagen stets unangestrengt. Als Gast aus Hannover sang Hanna Larissa Naujoks mit ihrem sehr flexiblen Mezzosopran die Partie der Olga, die sonst mit Ulrike Schneider besetzt ist – der Titelheldin in Händels „Agrippina“ bei den Göttinger Händel-Festspielen. In kleineren Rollen bewährten sich Inna Kalinina (Larina), Lona Culmer-Schellbach (Amme) und Hee Saup Yoon (Fürst Gremin).

Der Chor bewältigte seine umfangreichen Aufgaben mit Anstand, das Orchester unter der zuverlässigen Leitung von Xin Tan grundierte die tragische Geschichte mit angemessener lyrischer Weichheit im Klang. Eine Aufführung, die den Hörer mit zarter Gewalt in den Bann zieht.

Weitere Termine: 16. und 26. Juli sowie ab 6. November um 19.30 Uhr im Kasseler Opernhaus, Friedrichsplatz 15. Kartentelefon 05 61 / 10 94-222.

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