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„Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“

Premiere am Jungen Theater „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“

„Was wissen Sie über Ihren Strommix?“, fragt Agnes Giese das Publikum. Stille. Zum 30. Jahrestag des Reaktorversagens und GAUs des Kernkraftwerks Tschernobyl hat das Junge Theater Göttingen das Stück „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ auf die Bühne gebracht.

Junges Theater, Hospitalstraße 6, Göttingen 51.530574 9.93714
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„Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ mit Katharina Brehl, Agnes Giese, Karsten Zinser (v. l.)

Quelle: Heise

Göttingen. Tschernobyl ist keine vergangene Katastrophe. Sie dauert an. Das zeigt das Theaterstück nach dem gleichnamigen Roman der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch eindringlich. Alexijewitsch ist Chronistin der Zeitzeugen, die während und noch lange nach dem Atomunglück gelitten haben. Unter der Regie von Peer Ripberger verdichten sich persönliche, berührende und verstörende Erzählungen zu einem Mosaik der Schicksale.

Aufmerksamkeit des Publikums

Es ist kein einfaches Unterfangen, die Aufmerksamkeit des Publikums nicht zu verlieren, wenn nur Monologe gesprochen werden. Umso bemerkenswerter, dass es in Ripbergers Inszenierung gelingt. Eine große weiße Wand nimmt die ganze Breite der Bühne ein. Davor sitzt Katharina Brehl auf einem umgedrehten Blecheimer. Agnes Giese spricht den inneren Monolog aus dem Off. 

Sie erzählt von einer Frau, im sechsten Monat schwanger, deren Mann als Feuerwehrmann den Brand am Reaktor löschte. „14 Tage braucht der Mensch, um zu sterben.“ Seine Frau besucht ihn im Krankenhaus, obwohl er längst ein „kontaminiertes Subjekt“ ist. Das Kind kommt mit Herzfehler zur Welt und stirbt kurz darauf. Eine Geschichte von vielen.

Äpfel aus Tschernobyl

Die weiße Wand dient den Zuschauern als Projektionsfläche. Die Darsteller spielen nicht laut und expressiv. Sie sitzen, stehen, gehen und tragen ein Sammelsurium von Objekten über die Bühne. Peter Scholz isst eine Möhre, Karsten Zinser einen Apfel. Sie wirken unbedarft und manchmal naiv. Man könne nicht weg aus der Sperrzone, denn die Kartoffeln seien noch nicht geerntet, heißt es kurz nach dem Unfall. „Welche Farbe hat die Radioaktivität?“, will eine Frau wissen. Später weiß man etwas mehr und verkauft Tschernobyl-Äpfel, die gefragt sind als Geschenk für die Schwiegermutter. 

Immer wieder wenden sich die Schauspieler direkt ans Publikum. Das Saallicht geht an, sodass man sich nicht im Dunkeln verstecken kann. „Hab ich ich mich nicht den ganzen Tag ausgepowert?“, fragt Zinser. Müsse man sich am Abend, geschafft von der Arbeit, auch noch über Atomkraft Gedanken machen? Leistet der Terrorismus jetzt Schützenhilfe für den Atomausstieg? Immer wieder verweist Jan Reinartz auf gebrochene Versprechen. Eine Kontrollierbarkeit gäbe es nicht. „Das Endlager verwandelt sich in ein feuchtes, modriges Loch der Ungewissheit.“

Kritisch, aber nicht belehrend

Das Stück zeichnet den Stand der Dinge nach und fasst die Fragen der aktuellen Debatte zusammen. Es stellt die unangenehmen Fragen nicht, es ruft sie nur in Erinnerung. Kritisch, aber nicht belehrend, werden die Zuschauer ermutigt sich und ihre Politiker zu hinterfragen. 

Von Jorid Engler

 

Nächste Vorstellungen: Dienstag, 26. April, und Dienstag, 3. Mai, jeweils um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen.

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