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Im Schatten der Revolution

Türkische Autorin Temelkuran liest aus „Stumme Schwäne“ Im Schatten der Revolution

„Die Füße der Soldaten machen tap tap tap.“ Die türkische Schriftstellerin Ece Temelkuran hat am Dienstag ihren Roman „Stumme Schwäne“ im Alten Rathaus vorgestellt.

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Im Literarischen Zentrum las Temelkuran aus ihrem Roman.

Quelle: Wenzel

Göttingen. In der Veranstaltung vom Literarischen Zentrums, die Teil des Ethnologen-Kongresses an der Universität war, sprach sie auch über die Situation in ihrem Heimatland.

Bezug auf wahre Begebenheit

Der Titel der deutschen Übersetzung von Johannes Neuner bezieht sich unter anderem auf eine wahre Begebenheit: Erstmals 1980, dem Jahr des Militärputsches, machten Schwäne auf ihrem Weg von Sibirien Station in Ankara, und sind seitdem in jedem Jahr wiedergekommen – bis zum Jahr der Proteste im Istanbuler Gezi-Park 2014. Temelkuran versteht sie als eine Mahnung. „Kein Autor könnte eine bessere Geschichte schreiben“, sagt die Autorin scherzhaft.

„In meiner Provianttasche sind das Chloroform und die Schnur.“ Die Schwäne sind im Roman Ziel einer Rettungsaktion: Ayşe  und Ali stammen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, machen sich aber gemeinsam auf, um die Schwäne vor der Überführung in den privaten Garten des Befehlshabers der Armee zu bewahren. Während das Land im Bürgerkrieg versinkt, kämpfen sie im Kleinen für die Freiheit.

„Wenn man etwas aus der Perspektive eines Kindes betrachtet, schrumpft der verfügbare Wortschatz.“

„Wenn man etwas aus der Perspektive eines Kindes betrachtet, schrumpft der verfügbare Wortschatz.“, erklärt Temelkuran im Gespräch mit dem Münchener Journalisten Günter Keil. Sie war acht Jahre alt, als das Militär unter Generalstabschef Kenan Evren die Regierung absetzte. Und wie sie selbst beobachten Ayşe und Ali die Geschehnisse um sie herum genau: „Auf der Straße sind Männer in Schlafanzügen. Sie scheinen verstecken zu spielen“, überlegen sie auf ihrem nächtlichen Weg zum Schwäne-Park.

Temelkuran arbeitet mit der Erinnerung: „Ich wollte zurückschauen, die angenehmen Dinge auswählen und in die Gegenwart zurückholen“, sagt sie. In die Position des Beobachters und Kommentators begibt sie sich für ihren dritten Roman genauso wie im wirklichen Leben. Nachdem sie ihre Anstellung bei der Zeitung „Habertürk“ aufgrund ihrer regierungskritischen Haltung verlor, zog sie im vergangenen Jahr nach Zagreb. Dort hat sie die Freiheit gefunden, sich wieder der Literatur zuzuwenden.

Geteilte Bevölkerung

„Die türkische Bevölkerung teilt sich in diejenigen, die gehorchen, und die, die nicht gehorchen“, gibt sie ihre Einschätzung im Gespräch mit Keil. Am Ende stehen auch Ali und Ayşe nicht nur der Gewalt der Soldaten, sondern ihren geschockten Eltern gegenüber. „Vielleicht hat es ja auch eine Revolution gegeben“, meint Ayşe.

Von Jana Probst

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