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Über den eigenen Kirchturm hinausblicken

„Das Wolkenzimmer“: Premiere im DT-Studio Über den eigenen Kirchturm hinausblicken

Irma Krauß hat zwei Gründe zum Feiern: Am Sonnabend war ihr 62. Geburtstag. Und ihr Jugendbuch „Das Wolkenzimmer“ wurde im Studio des Deutschen Theaters Göttingen uraufgeführt.

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Bringt den Türmer ( Johannes Granzer) zum Reden: Die Abiturientin Veronika (Marie-Thérèse Fontheim).

Quelle: Winarsch

Die Autorin hat inzwischen gut 30 Bücher geschrieben. Auf die Bühne hatte es bisher allerdings noch keiner ihrer Romane geschafft. Dass das Deutsche Theater „Das Wolkenzimmer“ ausgewählt hat, macht sie besonders stolz. Die Geschichte über zwei geheimnisvolle Türmer, die für zwei junge Menschen – einmal jetzt und einmal im Jahr 1942 – zum Lebensretter werden, ist eine ihrer wichtigsten. „Es gibt nichts an dem Roman, was ich anders machen würde“, sagt Krauß. Vor der Uraufführung ist sie aufgeregt, gleichzeitig hat sie klare Vorstellungen: „Es gibt eigentlich nur eine Möglichkeit, den Roman aufzuführen.“

„Wer einem Juden hilft, bezahlt dafür mit dem Leben“, heißt es im Wolkenzimmer. Der Türmer (Johannes Granzer), der einen Arm in Frankreich und zwei Söhne in Russland verloren hat, hat weiter nichts mehr als dieses Leben und will es auch behalten. Trotzdem hilft er Jascha, einem jüdischen Jungen (Dominik Bliefert), schließlich drei Jahre lang, sich in seinem Turm vor den Nazis zu verstecken. Der überlebt und kommt als alter Mann wieder, um in „seinem“ Turm ebenfalls als Türmer zu leben. Granzer überzeugt in einer beeindruckenden Doppelrolle. Die Ruhe des Turms gerät ins Wanken, als Veronika (Marie-Thérèse Fontheim) auftaucht. Die Abiturientin stürmt die Treppen hinauf, um ihr Leben durch einen Sprung zu beenden. Ihr Freund hat sie verlassen, sie hat das Abi versiebt, das reicht, um sich ohne Perspektive zu fühlen. Aber sie springt nicht und bleibt schließlich drei Wochen im Turm.

Ein karges Gerüst, eine Bank, atmosphärische Musik (Hans Kaul) und drei Schauspieler. Mehr braucht die Inszenierung von Gero Vierhuff nicht, um diesen komplexen Stoff, der aus Gegensätzen und Parallelen, aus Vergangenheit und Gegenwart besteht, auf die Bühne zu bringen. Veronika bringt den Türmer zum Reden, der Türmer verhilft Veronika zu einer neuen Perspektive – die Dinge anders zu sehen, über den eigenen Kirchturm hinaus zu blicken. Die eigenen Schmerzen in einem neuen Licht zu sehen, zu relativieren.

Das gelingt mit dem Einblick in die deutsche Geschichte der Judenvernichtung aus Sicht des Jungen Jascha. Dank des reduzierten Bühnenbilds lenkt nichts von der beeindruckenden Bühnenpräsenz aller drei Schauspieler ab. Marie-Thérèse Fontheim entwickelt die Rolle der Veronika von der verletzten, verlassenen von Selbstmitleid zerfressenen Freundin mit enormer Wut, die schließlich umschlägt in das Gefühl für einen Mann und den kleinen Jungen, der dieser mal war. Dominik Bliefert spielt in Kniestrümpfen und kurzen Hosen den zehnjährigen Jascha zäh und kein bisschen weinerlich. Und meisterhaft schließlich Johannes Granzer. Er wechselt mit stoischer Ruhe rührend und väterlich von der Vergangenheit in die Gegenwart.

„Die Umsetzung ist schön geglückt“, lobt Krauß nach der Aufführung, für die es viel Applaus gab. Das gut 300 Seiten starke Buch, das mit dem „Luchs“, einem Preis der Wochenzeitung „Die Zeit“ und „Radio Bremen“ ausgezeichnet wurde, ist für die Inszenierung auf die Kernaussage gerafft worden. Krauß hätte es nicht anders gemacht, bekennt sie. Und sie hat sich in Veronika verguckt. Marie-Thérèse Fontheim sei eine frische Schauspielerin. Sie komme dem Mädchen, an das Krauß beim Schreiben gedacht hat sehr nah. Für Krauß ein dritter Grund zum Feiern.

Weitere Termine: 3., 9., 19. und 28. März. Kartentelefon: 05 51/ 49 69 11.

Von Eida Koheil

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