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Übersexualisierte, moralfreie Proletenwelt

„Der Tod des Bunny Munro“ von Nick Cave Übersexualisierte, moralfreie Proletenwelt

Ein Sofa, ein Tanga und ein Mann, der letzteren trägt. Mit einer Schnapsflasche in der Hand raunt der Halbnackte: „Ich bin verdammt“. Im Sinne dieses dramatischen Exposés darf der Zuschauer den Anti-Helden aus Nick Caves gleichnamigen Roman „Der Tod des Bunny Munro“ auf seiner sukzessiven Reise ins Verderben begleiten.

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Reise ins Verderben: Bunny Monro ( Andreas Jeßing) gerät tief in einen Strudel aus Sex und Gewalt.

Cave hat mit seinem Protagonisten, einem abgehalfterten Handelsvertreter für minderwertige Kosmetikartikel (gespielt von Andreas Jeßing), nach eigenen Angaben „ein Monster“ geschaffen. Nachdem dieses seine Hosen und englischen Slipper übergestreift und seine 70er Jahre Schmalzlocke zurecht gerückt hat, taucht es ein in seine übersexualisierte, moralfreie Proleten-Welt. Bunny sieht in jeder Frau eine Vagina und in jedem seiner Kundengespräche schlicht die Möglichkeit, mit dieser zu interagieren. Obwohl er über keinerlei Fantasie verfügt, reicht seine krude Vorstellungskraft aus, um ihn alle gefühlten fünf Minuten masturbieren zu lassen.

Durch Bunny wird der reine männliche Trieb bloßgestellt, exponiert, pointiert. Als Produkt einer an Kulturpessimismus erkrankten Welt, gestört durch die mediale Einwirkung von Werbung und Fernsehen, in dem ein gehörnter Serienmörder spukt, versucht er die Leere in seinem Leben durch repetierende Kopulation zu füllen. Unter dem morbiden Dunst einer brutalen Realität richtet er mit seinem impulshaften Egoismus seine Familie zu Grunde. Nachdem er seine Frau Libby (Imme Beccard) an einem Strick in seiner Sozial-Wohnung hängend auffindet, wird die Last seiner Verantwortungslosigkeit auf ihn selbst zurückgeworfen.

Bunny packt seinen augenkranken, hochintelligenten, ihn bedingungslos liebenden neunjährigen Sohn Bunny Junior (Benjamin Berger) und seinen Vertreteraktenkoffer in den kanariengelben Punto und entflieht all seinen Problemen. Ab diesem Moment entfaltet sich auf der Bühne ein rasantes Road­movie. Die Schraube des Niedergangs beginnt sich unaufhaltsam zu drehen. Immer weiter gerät Bunny in den Strudel aus Sex und Gewalt, wird verfolgt vom Geist seiner Frau, sieht sich als Nebendarsteller im Film eines anderen. Sein Sohn beginnt zu begreifen, dass sein Vater verloren ist.

Wunderbar inszeniert wird dieser grelle Stoff vom künstlerischen Leiter des jungen Schauspiels, Joachim von Burchard, und seinem Team. Die Stimme in Bunnys Kopf, Bunnys Selbst, das sich mitteilt, wird wiedergegeben durch einen Sprecher (Jan Exner), der angenehm präsent eine zweite Perspektive zum Hauptdarsteller einnimmt, als Teufel, Autor, Alter Ego und Erzähler sich ihm stellt und Schlaglichter auf dessen Psyche wirft.

Exner ist es auch, der Caves geniale musikalische Kompositionen per E-Gitarre in das Schauspiel einbringt und so wichtige Freiräume entwirft, die das Geschehen auflockern und eine Atmosphäre schaffen, die auf das Unterbewusstsein wirkt.

Die nächsten Vorstellungen im Studio des Deutschen Theaters: 28. September, 8., 15. und 27. Oktober, um 20 Uhr. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

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