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„Un re in ascolto“ von Luciano Berio in der Staatsoper Kassel

Premiere „Un re in ascolto“ von Luciano Berio in der Staatsoper Kassel

Diesen Akkord vergisst niemand, der ihn je gehört hat. Ein stehender Klang aus acht Tönen, ein Klang mit Schärfen und Kanten, der bald aber seine Schönheit offenbart und den Hörer mit magischer Gewalt fesselt.

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Theaterdirektor Prospero (Marc-Olivier Oetterli) und ein Mime (Christina Schönfeld).

Quelle: Klinger

Kassel. Mit diesem Akkord beginnt „Un re in ascolto“ („Ein König horcht“) von Luciano Berio: keine Oper, sondern eine „azione musicale“, eine „musikalische Handlung“, wie der 2003 gestorbene italienische Komponist sein 1984 in Salzburg uraufgeführtes Werk bezeichnet hat.

Weil es eben keine Oper ist, ist das, was sich auf der Bühne abspielt, auch keine Handlung im landläufigen Sinn. Es ist ein Stück über Musik und über Theater, folgerichtig sehen wir auf der Bühne ein Theaterfoyer, rechts vorn das ziemlich chaotische Arbeitszimmer des Theaterdirektors. Der Abreißkalender am Bücherregal zeigt den 7. August 1984 – das Datum der Salzburger Uraufführung von „Un re in ascolto“. Weitere augenzwinkernd eingestreuten 80er-Jahre-Zitate (bis hin zur Mariacron-Flasche im Bücherregal) veralbern das Stück in keiner Weise.

Prospero heißt der Theaterdirektor. Er träumt von einem Theater, „darin ein Ich, das ich nicht kenne, singt; singt die Musik, die ich vergessen habe und die ich jetzt so gern sänge.“ Den Namen Prospero hat sich Librettist Italo Calvino aus Shakespeares „Sturm“ geborgt, der Text entstammt diesem Stück Shakespeares, dazu kommen Fragmente von W. H. Auden und aus einem deutschen „Sturm“-Libretto von 1797.

Prospero ist natürlich nicht allein im Theater. 27 Rollen einschließlich der Statisten verzeichnet das Programm. Zahlreiche Sänger treten auf, zwei live spielende Pianisten, von denen einer auch zu singen hat, zwei Seiltänzer, ein Kind mit zu großen Schuhen in der Rolle des Clowns, eine zu zersägende Dame, ein Herr namens Freitag (Robinson lässt grüßen), den der Darsteller des Regisseurs aus dem Zuschauerraum auf die Bühne gebeten hat, dazu „Der Mime“, wie es in Berios Besetzungsliste heißt. Der ist in Kassel eine Frau im Kostüm der Klementine aus der Ariel-Werbung, die 22 Jahre lang, von 1962 bis 1984, im Fernsehen den Unterschied zwischen sauber und rein vorgeführt hat. Die Kasseler Klementine ist die Berliner Gebärdensprachlerin Christina Schönfeld. Sie übersetzt die Texte ins Gestische.

Wer versucht, all das zu berichten, was sich auf dieser Wunderbühne (überquellend an Einfällen: Mathis Neidhardt) abspielt, kommt schnell vom Hundertsten ins Tausendste. Wenigstens die Windmaschine und die singende Säge seien noch erwähnt, die zum Inventar von Prosperos Arbeitszimmer gehören und auch zum Klingen gebracht werden.

Ansonsten hört man viel „Addio“ und „Dove sono“, erlebt Proben zum „Sturm“, Sängerinnen und Sänger, die zum Vorsingen gekommen sind, sowie die „Protagonistin“ (Sopranistin Anna Nesyba), die mit Knalleffekt – sie durchbricht ein zugemauertes Fenster – auf die Bühne kommt. Am Schluss ist Prospero allein und stirbt. So muss Oper enden.

Regisseur Paul Esterhazy stellt eine vielschichtige, vielfach verrätselte, zugleich sehr poetische Geschichte auf die Bühne, in der es unglaublich viel zu entdecken gibt – und zu horchen. Dafür ist in erster Linie den hervorragend disponierten Gesangssolisten zu danken, von denen wenigstens einige erwähnt seien: der stimmlich außergewöhnlich souveräne Bassbariton Marc-Olivier Oetterli als Prospero, Lin-Lin Fan und Bénédicte Tauran als hinreißende Sopranistinnen sowie Schauspieler Gunnar Seidel als körperlich bemerkenswert gewandter Freitag.

Den süchtig machenden Akkord und all die weiteren Strukturen der Partitur, in der man sehr wohl auch kantable Passagen für die Solisten und leidenschaftliches Temperament entdecken kann, betreut Alexander Hannemann am Dirigentenpult mit größter Sorgfalt. Orchester und Chor arbeiten konzentriert und erweisen so einem der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts gebührend ihre Reverenz. Am Ende gab es vereinzelte Buhrufe für den Regisseur. Im Übrigen klatschte das Premierenpublikum ausdauernd.

Von Michael Schäfer

Weitere Vorstellungen: 30. Mai, 5. und 19. Juni, 8., 22. und 25. Juli um 19.30 Uhr im Opernhaus Kassel, Friedrichsplatz. Karten unter Telefon 05 61 /10 94 222.
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