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Unterhaltungswahn, Gier und „maischbergern“

„Liebe“ Unterhaltungswahn, Gier und „maischbergern“

Afrikaner besitzen null Gespür für Timing. Immer nur ‘ich, ich, ich!‘ – Dabei haben wir so viel Wichtigeres zu tun. Thomas Gottschalk braucht eine Sendung und wir müssen gucken, was mir mit dem Rösler machen.“ Kabarettist und Pianist Hagen Rether ist genervt, seit langem schon. Und daraus macht er auch am Freitagabend in der nicht ganz ausverkauften Göttinger Stadthalle keinen Hehl.

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Unterhält mit bitterbösem Humor und spitzfindigen Phrasen: Hagen Rether

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Man möchte ihm fast aufmunternd auf die Schulter klopfen, wenn er nach resigniert-lethargischen Stellungnamen zu Außen- und Innenpolitik, dem Unterhaltungs-Wahn der Menschen und ihrer Angst vor dem Islam seine „Was reg ich mich auf“-Frage stellt und therapeutisch seufzend seinen Konzertflügel putzt.

Dass sich zur besten Sendezeit lediglich Abgesandte einer etablierten „Talk-Show-Gast-Zucht“ darüber streiten, wer zuerst „nicht ausreden“ darf, dass wir uns so „in den Schlaf maischbergern müssen“ nervt Rether genau so, wie die Tatsache, dass Gewalt und Sex in unserer Gesellschaft längst kein Tabu mehr seien, sondern Langeweile. Und immer müsse alles witzig und pointenreich sein. „Deshalb gucke ich so gerne Pornos. Da will niemand witzig sein. Das erholt mich maximal“, erklärt der 41-jährige.

In seinen Schreibtischstuhl gefläzt, lässt er sich über globale Wehwehchen (Rinderzüchter in Wyoming beschweren sich über Wassermangel) genauso aus wie über Ignoranz und Intoleranz in Deutschland („50 Jahre haben wir uns nicht um Migranten gekümmert, jetzt stellen wir fest, dass sie beschnitten sind“).

Klimawandel, Gier, Geld, Macht und menschliches Fehlverhalten: All jenem begegnet Rether mit Sarkasmus, Ironie und kurzweiliger, intelligenter Stellungnahme. „160 Millionen Euro hätte man letztes Jahr gegen den Hunger in Somalia einsetzen können. Wir finanzieren davon lieber die halbe Elbphilharmonie“. Ist ja auch egal, denn die Berichterstattung über Somalia war eh gegessen, als „Kuh Yvonne sich im Wald verlaufen hatte“. Was regt man sich auf.

Rether verschenkt an einen Zuschauer, dessen Handy klingelt, eine CD, verzehrt vor sich hin sinnierend eine der Bananen, die vor ihm auf dem Flügel liegen und wovon er eine kurz zuvor dem schweigsamen Fotografen angeboten hat („Können sie mich hören? Sind sie von der Presse? Von welcher? Ah, gibt nur eine. Na, wie ist die Freiheit?“). Rether bringt sein Publikum abwechselnd zum Lachen und zum Nachdenken.

Der Flügel, der zuvor nur Requisite zu sein schien, kommt erst nach über einer Stunde zum Einsatz. „Das langweiligste Stück der Welt“ soll den musikalischen Teil einleiten. Seine Töne untermalen seine Spitzen auf die nationale Politikerschar und seine kritisch-makaberen Töne zum Weltgeschehen. „Letztes Jahr haben die Japaner herausgefunden, dass Atomkraft gefährlich ist. Finden wir auch bald heraus, dass die Pharmaindustrie Dreck am Stecken hat?“

Der Welt so ganz überdrüssig ist Rether jedoch noch nicht: „Ich möchte zumindest noch erleben, wenn das Erdöl alle ist. Das könnte lustig werden“.

Es sind die ruhigen, melancholischen Musikeinlagen gepaart mit bitterbösem Humor und spitzfindigen Phrasen, die Hagen Rethers Programm „Liebe“ einzigartig machen. Nach circa dreieinhalb Stunden inklusive einer Pause entlässt Rether sein begeistertes Publikum wieder hinaus in die Welt, die, soviel hat der Oberliga-Kabarettist klar gemacht, zu viel Sand im Getriebe hat.

Von Katharina Killburger

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