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Märchen in Wort und Gebärde

Uraufführung im Theater im OP Märchen in Wort und Gebärde

„Mal wieder Grimm“ – der Titel soll wohl suggerieren, was so mancher denkt: schon wieder eine Adaption von Märchen der zwei Brüder, einfach auf modern gemacht. Ganz so einfach ist es aber nicht. Im Theater im OP (ThOP) präsentierten hörende und gehörlose Darsteller jetzt Hänsel, Gretel und Co.

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Gretel (Dorothee Nyga) und Hänsel (Ibrahim Al Kadri) treffen Rapunzel (Franziska Karger).  

Quelle: Opitz

Göttingen. Herr Schreiber ist angeklagt, geistiges Eigentum gestohlen zu haben. Bei seiner Anhörung bringt er nur ein Geschwafel über Äpfel und das Schaffen eines Künstlers in der Natur hervor. Die Staatsanwältin legt als Beweisstücke die von ihm ummodellierten Märchen vor.

Hänsel und Gretel betreten Brotkrumen werfend die Bühne. Plötzlich stehen sie vor dem Haus von Frau Holle. „Arbeiten, arbeiten sollt ihr!“, schreit sie Hänsel an. Nutzlos, denn Hänsel kann nicht hören. Seine Schwester dolmetscht für ihn. Sie reisen durch das Saga-Land und treffen dabei nicht nur auf die verbitterte Frau. Beim Unternehmen „Holles Goldregen“ hoffen auch der böse Wolf aus „Rotkäppchen“ und der Wirt aus „Tischlein deck dich“ auf ihre Entlohnung. Der Dummling aus der goldenen Gans, der vom IT-Unternehmen ­Gothel geschickt wurde, löst die Szene auf.

Barrieren zwischen hörender und nicht-hörender Welt müssen keine Probleme bereiten

Neben verbindenden Elementen durch die Gerichtsverhandlung stehen zwei weitere Märchenszenen. Hänsel und Gretel reisen weiter. Sie finden die in einem Turm eingeschlossene Rapunzel. Ihr Stiefvater, Eigentümer besagter IT-Firma, hat der Gehörlosen durch eine Sprachsteuerung die Tür nach draußen versperrt. „Es ist ja nur zu ihrem Besten, damit sie keiner verletzt“, sagt der Stiefvater. Über ein Online-Portal hat sie trotzdem ihren Prinzen gefunden. Die Geschichte zeigt märchenhaft, dass Barrieren zwischen hörender und nicht-hörender Welt keine Probleme bereiten müssen.

So spielt die letzte Episode ganz in deutscher Gebärdensprache (DGS). Das Stück hat den Weg bereitet, damit auch Zuschauer, die nicht mit der DGS vertraut sind, die Szenen verstehen. Gesprochene Worte braucht es für die abschließende Geschichte um Schneeweißchen und Rosenrot auch nicht. Und wer sich fragt, wo das grimmige Rumpelstilzchen (gespielt von Kevin Sheehan) bleibt: das baut in den Pausen zusammen mit dem Sterntaler-Mädchen die Bühne um. Nicht zuletzt wegen seines Tütüs sorgt es damit beim Publikum für laute Lacher. Das funktioniert übrigens auch ganz ohne gesprochene Worte.

Künstlerische Metaphern

Ein paar zu viele Worte hingegen findet der des Plagiats angeklagte Autor in seinen monologischen Ausführungen zum Tatbestand. In künstlerischen Metaphern stellt er dar, was doch so simpel zusammenfassbar ist: Es braucht nicht viele Worte, um die Natur zu beschreiben und Kunst zu schaffen.

Auch die Einführung von Regisseurin Christa Gaisbichler erscheint am Ende überflüssig, denn das Stück hat es geschafft, eine Geschichte in zwei Sprachen zu erzählen, ohne gekünstelt zu wirken.

Gehört und gesehen: Eine vielfältige und herausstechende künstlerische Leistung.

Von Leslie Wathsack

Weitere Vorstellungen: 9., 12., 13., 16., 19., 20., 23., 26. und 27 August um 20.15 Uhr sowie am 14. und 21. August um 15 Uhr im Theater im OP, Käte-Hamburger-Weg 3. Kartentelefon: 05 51 / 39 70 77.

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