Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Wackeldackel der Demokratie

Urban Priols Jahresrückblick in Göttingen Wackeldackel der Demokratie

Urban Priol braucht kein aufwändiges Bühnenbild, keine Multimediashow. Er erzählt einfach was er denkt. Das ist unterhaltsam genug, und zynisch und clever und manchmal irgendwie verzweifelt. Vor ihm da steht nur ein Glas Weizen auf einem Metalltisch, mehr nicht.

Voriger Artikel
Amüsanter Leckerbissen
Nächster Artikel
Mit dem Ruderboot auf Tour

Staffellauf aus Pointen und Wahnsinn: Urban Priol.

Quelle: Heller

Göttingen. Bei Priols Jahresrückblick „Tilt“ geht es um Inhalte und davon hatte das Jahr 2014 reichlich. Eurokrise, Ukrainekrise, IS, NSA, Snowden, Diätenerhöhung, Fußballweltmeisterschaft, Freihandelsabkommen, Pegida und Uli Hoeneß, der ins Gefängnis kam und dann auch wieder heraus. Über 2015 könnte Priol allerdings auch schon wieder soviel erzählen, dass es dabei Ostern würde.

Wenn der Franke so über die Politik und ihre Strukturen herzieht, dann wird wieder klar, warum Priol so die Haare zu Berge stehen. Die Welt habe 2014 mit Ebola, Krieg und Massenflucht beinah am Abgrund gestanden, aber Deutschland habe sich nur mit der Maut beschäftigt und damit, dass Lothar Matthäus zum fünften Mal geheiratet hatte.

Ursula von der Leyen hält er für die letzte funktionierende Blendgranate der Bundeswehr, Horst Seehofer nennt er einen „Alpentaliban“ und für die Opposition müsse man seiner Meinung nach Welpenschutz beantragen und ein paar Kekse verteilen. Vielleicht müsste der Bundestag ein bisschen mehr wie in einem Shakespearesdrama sein, wo der Gegenspieler ordentlich beleidigt wird, dann würden die Politiker vielleicht nicht mehr mit ihren Tablets während der Plenarsitzung spielen. Tosender Applaus.

Sport, Gesellschaft, Wirtschaft, Kirche und Politik, sie alle bekommen mächtig ihr Fett ab bei Urban Priol. Ja, es sind natürlich immer die selben über die Priol herzieht: Angela Merkel, Joachim Gauck, den er liebevoll „Jockel“ nennt, Horst Seehofer und natürlich Bayern als solches. Im Grunde ist das logisch, immerhin sind es seit Jahren die selben „Nasen“, die das Land regieren. Merkel hat schon neun davon auf dem Buckel, wie er dem Publikum immer wieder einbläut. Wobei er sich mit ihr eigentlich versöhnen will, wie er sagt. Vielleicht wirkt seine Merkelparodie deswegen so sympathisch und witzig und es wäre schade, wenn er sie nicht mehr in seine Gags einbauen könnte. Auch Helmut Kohl, Norbert Blüm, Ronald Reagan und Johannes Paul II. baut er zu einer dynamischen Politikercollage zusammen.

Ein bisschen seltsam wird es allerdings, als Priol einen Witz macht, der sich auf den Begriff „Personalausweis“ bezieht und nahelegt, dass die Bürger das Personal der Regierenden seien, eine These, die auf eine wilde Verschwörungstheorie von BRD-Leugnern zurückgeht und von denen man sich besser keine Thesen leiht. Da ist der Witz vielleicht wichtiger als die Überzeugung.

Zum Ende seines dreieinhalbstündigen Staffellaufs aus Pointen und Wahnsinn hat Priol die Welt analysiert und der sezierte Körper der Politik liegt seltsam offen da. Kafkaesk erscheint einem die Welt und die Erkenntnis setzt ein, dass das alles im Grunde überhaupt nicht witzig ist.

Es regt sich keiner mehr auf, sagt der überzeugenden Priol, wir alle seien „gutmütige Wackeldackel auf der Hutablage der Demokratie.“

Von Serafia Johannson

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Milchbar im Nörgelbuff