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Verblüffend, paradox, wahr: „Wir Wunderkinder“

Uraufführung am Deutschen Theater Verblüffend, paradox, wahr: „Wir Wunderkinder“

An der rechten Loge im Deutschen Theater (DT) Göttingen hängt eine gemalte Diskokugel. Die Namen Wojo und Hans sind darauf zu lesen. Hier ist das musikalische Reich von Wojo van Brouwer und Hans Kaul. Die Loge auf der gegenüberliegenden Seite ist als DaF-Zentrum ausgewiesen.

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Der große Diktator auf dem Tisch: Andrea Strube, Anja Schreiber, Nikolaus Kühn, Andreas Daniel Müller, Mirka Pigulla, Helena Hentschel; vorn Marie-Isabel Walke, Gerrit Neuhaus (v. l.).

Quelle: Winarsch

Die drei Buchstaben stehen für „Deutsch als Fremdsprache“, hier sitzt die Souffleuse. Zwei Randnotizen, die zeigen, dass das Regiekollektiv „andcompany&co auf Details Wert legt. Aber auch auf das große Ganze. Am Sonnabend hatte ihre Produktion „Wunderkinder“ nach dem Fünfzigerjahre-Film „Wir Wunderkinder“ Uraufführung im DT.

Alexander Karschnia, Nicola Nord und Sascha Sulimma sind „andcompany&co“. Sie haben ihr Kollektiv 2003 gegründet, arbeiten netzwerkartig mit Künstlern anderer Genres zusammen – diesmal mit dem Bildenden Künstler Jan Brokof, der das Bühnenbild entwarf und zu großen Teilen gestaltete. Sie arbeiten in Geschichte, genauer: in deutscher Geschichte. Und dabei haben sie in dem Film eine ideale Grundlage gefunden. „Wir Wunderkinder“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Hugo Hartung, veröffentlicht 1957, der den Protagonisten Hans Boeckel über 40 Jahre lang begleitet. Der Film beschreibt die Erlebnisse Boeckels in Deutschland von etwa 1920 bis nach dem Zweiten Weltkrieg, „andcompany&co“ verlängern diesen Blick bis in die Gegenwart – und arbeiten dabei präzise und intelligent bemerkenswerte Kontinuitäten heraus.

Boeckel ist ein politisch naiver junger Mann, ein promovierter Philosoph, der sein Geld als Feuilletonist verdient, bis die Nationalsozialisten ihn kalt stellen. Er heiratet eine Dänin, in deren Familie Boeckel den Zweiten Weltkrieg übersteht. Nach Kriegsende trifft er einen alten Schulfreund wieder, einst Nazi, jetzt schon wieder etabliert. Doch „ancompany&co“ belassen es eben nicht dabei. Sie spinnen das Geschehen fort über die Studentenrevolte und die RAF bis ins heute. Dabei setzten sie ein ganzes Arsenal theatralischer Mittel ein.

Vieles klingt nach Kabarett, in regelmäßigen Abständen stoppt das Geschehen, und die Akteure plaudern, debattieren und streiten über tagespolitische Themen. Revue und Musical bringen Unterhaltung.

Andere Szenen sind angelegt wie aus einem Slapstick-Stummfilm. So wird beispielsweise aus Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“ zitiert. All das haben „andcompany&co“ elegant ineinander verschränkt – und dabei ein rasantes Tempo angeschlagen. Mehr als 100 Jahre Geschichte sollen schließlich in knapp 120 Minuten aufgearbeitet werden.

Das Regiekonzept ist auf Ensemblespiel angelegt, und die 13-köpfige Schauspielergruppe agiert wie aus einem Guss. Der Protagonist Boeckel ist besetzt mit Gerrit Neuhaus, im Film wird er von dem jungen Hansjörg Felmy gespielt. Beide sind sich nicht unähnlich, beide passen perfekt in die Rolle des aufrechten jungen Mannes, der ohne Arg, aber auch ohne Initiative durch die Zeit gleitet.

Florian Eppinger spielt Boeckels Schulfreund Bruno Tiches, jenen Nazibonzen und Nachkriegsprofiteur, mit großer Ruhe und Boshaftigkeit. Andrea Strube steht als Sippenchefin für all jene, die sich im Chaos durchgewurschtelt haben, clever und immer wieder auch rücksichtslos. Und Wojo van Brouwer führt, angelegt an den Film, als singender Moderator durch den Strudel der Zeit. Hans Kaul steht ihm dabei spiel- und sangesfreudig zur Seite. Verstärkt wird das DT-Ensemble durch Mirka Migulla, Helena Hentschel und Andreas Daniel Müller, Schauspielschüler aus Hannover, Ergebnis einer Kooperation.

Eine ganz verblüffende und erfrischende Reflektionsebene hat das Regiekollektiv noch eingezogen, es macht Probenarbeit zum Thema. Mit einem Stückchen schwarzem Klebeband unter der Nase gibt auch Lutz Gebhardt den Adolf Hitler. Er beschwört den Endsieg, der längst Illusion ist, die Kollegen schreiten ein: „Lutz, du bist nicht Bruno Ganz, und wir spielen nicht ,Der Untergang’“. Und Anja Schreiber darf sich als Anja Schreiber austoben und mehr Wahrhaftigkeit und Emotion auf der Bühne fordern. Das peppt die Inszenierung, aber macht auch klar: Hier geht es nicht um Fiktion, hier geht es um die Wirklichkeit.

Für all das hat Künstler Brokof einen drehbaren detailreichen Turm entworfen, der Wohnhaus ist und Reisebus, Häuserfront und Berliner Mauer. Hier spielt sich nicht unbedingt klassisches Theater ab, aber auf jeden Fall eine Vielfalt und Fülle, die in einer einzigen Vorstellung unmöglich zu erfassen ist. Intellektuell und witzig, politisch und unterhaltsam. Paradox, aber wahr.

Weitere Vorstellungen: am heutigen Montag, am 24., 26. und 29. März sowie am 1., 8.. 12. und 27. April im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 0551/496911.

Von Peter Krüger-Lenz

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