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Verhältnis von Kirche, Christentum und Politik

Literaturherbst Verhältnis von Kirche, Christentum und Politik

Nicht als Unitarier spreche er heute im Alten Rathaus, so der Göttinger Literaturwissenschaftler Prof. Heinrich Detering zu Beginn seines Vortrages im Rahmen des Literaturherbstes, sondern als bekennender Trinitarier. Er habe allerdings einige Sympathie für diese Religion entwickelt, schickt er seinen im gleichnamigen Buch erschienen Ausführungen zu „Thomas Manns amerikanischer Religion“ voraus.

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Detektivischer Thomas-Mann-Forscher: der Göttinger Germanist Heinrich Detering.

Quelle: Vetter

Göttingen. Ähnliche Worte wählte Thomas Mann, als er 1951 von der unitarischen Kanzel seines Freundes, Anti-McCarthy-Mitstreiters und Pastors Stephen Fritchman spricht; nicht als Unitarier sei er hier, sondern als Lutheraner.

Detering beleuchtet in seinem Vortrag, der einen überblickartigen Streifzug durch das sehr eingehende Buch bietet und mitnichten einer üblichen Lesung entspricht, nicht nur das Verhältnis von Thomas Mann zur Religion. Vor allem untersucht er seine im Exil selbst gewählte und später durch die dort zelebrierte Taufe seiner Enkelkinder verdichtete Nähe zur unitarischen Kirche sowie deren Verhältnis zu Christentum und Politik aus der Sicht Manns.

In zahlreichen bisher un­veröffentlichten Dokumenten  hat Detering in „Sherlock-Holmes-artigen Anstrengungen“ „vieles, was der Thomas-Mann-Forschung bis heute verborgen geblieben ist“, zusammengetragen und so die „angenehmste kirchliche Erfahrung“, die Thomas Mann gemacht habe, dokumentiert. Er zeichnet diese  Entwicklung nach, die auch auf die Entfaltung der Kirche zurückwirkte, „he helped to define the concept of religion“, und manifestiert so wiederum Manns „einzigartige Bedeutung“ an dieser Stelle.

Detering  verankert die unitarische Lehre, deren Anhänger das Dogma der Trinität (Dreieinigkeit) ablehnen, da sie hierin Luthers reformatorisches Prinzip sola scriptura („allein die Schrift“) verletzt sehen, im 16. und 17. Jahrhundert, später bei Ralph Waldo Emerson, Theodore Parker, in der amerikanischen Romantik, dem Erbe der englischen Aufklärung, aber auch an den Kantschen Grenzen der Vernunft, bei Walt Whitman, Goethe und dem verstandesorientierten Deismus.

So ergibt sich in humanistischer, beinahe, so Detering, radikaler Weise, ein angewandtes Christentum. Es lässt das politische und religiöse Handeln aus einer gleichsam inneren Notwendigkeit des „im Primat des Gewissens liegenden letzten Ortes einer schon nicht mehr geglaubten Offenbarung“ heraus in eins fallen.

Moderator Hans Rudolf Vaget vom Smith College in Northampton, Autor des Buches „Thomas Mann, der Amerikaner“, der Detering  Manns Stellvertreter nennt und an diesem Abend vier literaturherbstlich knappe Fragen stellt, hebt die Bedeutung der Studie im Hinblick auf ihre Ernsthaftigkeit, ihre politische Dimension und als Ergebnis einer langen Hinwendung Manns nach Amerika hervor.

Heinrich Detering, Thomas Manns amerikanische Religion, S. Fischer Verlag, 343 Seiten, 18,99 Euro. – Die Berichterstattung über den Göttinger Literaturherbst wird in der Dienstag-Ausgabe des Tageblatts  abgeschlossen.

Von Tina Lüers

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