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Verleger Gerhard Steidl wird 65

„Ich habe lebenslänglich“ Verleger Gerhard Steidl wird 65

Eine konzentrierte Atmosphäre herrscht in der Bibliothek des Steidl-Verlages in der Düsteren Straße. Einige Asiaten arbeiten gerade hier. Auch Menschen aus anderen Ländern und Kontinenten. Betriebssprache ist Englisch. Chef des Hauses ist der Verleger Gerhard Steidl. Und der wird am Sonntag, 22. November, 65 Jahre alt.

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Gerhard Steidl.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Eine große Tafel steht in der Bibliothek, eingerahmt und hinter Glas. „Der Fehler fängt schon an, wenn man sich anschickt, Keilrahmen und Leinwand zu kaufen“, steht darauf zu lesen, ein berühmtes Manifest, das Joseph Beuys am 1. November 1985 notierte. Mit Beuys hat Steidl in jungen Jahren zusammengearbeitet. Das erzählt er im Gespräch, das nach ein bisschen Wartezeit an einem der Steidl-Arbeitsplätze beginnt.

Steidl hockt auf einem dieser Stehstühle, während er spricht. Er sortiert, schiebt in Folien, wirft weg. Steidls Hände arbeiten, auch während er spricht, sein Kopf wahrscheinlich ebenso. Multitasking – anders könnte der Verleger, der mit Künstlern und für Künstler wie Ed Ruscha, Herlinde Koelbl und Jim Dine arbeitet, sein Pensum wohl auch nicht schaffen.

Gegen fünf beginne sein Arbeitstag, sagt Steidl, abends um 20 Uhr ende er. Einmal in der Woche sei er in Paris, in London alle zehn Tage. Rom ist alle zwei Wochen dran, New York einmal im Monat. Asien muss noch dazwischen passen, ein neuer Markt. Arbeitsverbindungen in rund 40 Länder unterhält Steidl, alle wollen regelmäßig gepflegt werden.

Kurz vor seinem Geburtstag ist eine Eintagestour nach Los Angeles geplant. Ruscha will er dort treffen und eine Freundin des Schauspielers Keanu Reeves, der Göttingen zum Erbeben brachte, als er vor wenigen Monaten bei Steidl war, um mit ihm über ein Buch zu sprechen, und einfach so durch die Stadt schlenderte. Nur zwei von diversen Terminen, die Steidl an diesem Tag organisiert oder von seinen Mitarbeitern organisieren lässt.

„Ich mache immer Tagesausflüge in die Welt“, erklärt der Verleger. Was ihm dabei hilft? „Die Reisen sind sehr gut vorbereitet und sehr effizient“, sagt Steidl. Und: „Ich habe eine Gabe mitbekommen, ich kann sofort einschlafen, immer und überall.“ Auch in Flugzeugen.

Seine Reisen durch die Welt tragen Früchte. Derzeit bereite er eine Ausstellung in Singapur vor. In einer Containerstadt soll die Steidl-Bibliothek entstehen, alle Bücher, die in seinem Haus produziert wurden, dazu bequeme Sitzmöbel und Rotwein, den er gerne trinkt. Die Menschen sollen einfach lesen können. Seminare mit Studenten dort sind in Planung. Und ein großer Zeitungsverlag in Japan habe gerade DVDs herausgebracht, Auflage: 200 000 Stück. Darauf der Film „How to make a Book with Gerhard Steidl“.

Steidl ist in Göttingen geboren. Im Haus in der Bürgerstraße 26 wuchs er auf. Als er 14 Jahre alt war, habe seine acht Jahre ältere Schwester einen Freund gehabt, ein Fotolehrling. Der habe ihm das Fotografieren mit einer Kodak Retina näher gebracht und ihn beim Einrichten einer Dunkelkammer unterstützt. Er bot sich dann als Hochzeitsfotograf denen an, die im Tageblatt ihre Heirat annoncierten. „Das war erfolgreich“, sagt er. Später fotografierte er Schaufenster, verkaufte die Bilder und dekorierte die Fenster neu. Dabei habe er gelernt, was ihm heute helfe: „Ich kann Fotos verstehen.“ Mehr noch, diese Erfahrungen unterstützten ihn in dem, was ihm heute am meisten Spaß mache: „das Kuratieren von Ausstellungen“. Beispielsweise für das Modeunternehmen Chanel. „The little black Jacket“ hieß die Schau mit zahlreichen Stationen rund um die Welt. Die Ausstellung in London sei zur erfolgreichsten Publikumsausstellung weltweit gewählt worden, sagt Steidl.

In der Bürgerstraße 23 mietete er schließlich seinen ersten Schuppen und stellte dort Siebdrucke her. Er zog um in die Angerstraße und kaufte 1974 das Grundstück in der Düsteren Straße, auf dem noch heute der Kernsitz seines Verlages steht, erweitert um benachbarte Flächen. Die Immobilie sei ein Tip von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) gewesen, sagt Steidl. Beide waren damals Jungsozialisten in Göttingen.

In seinem Freundeskreis sei er zu Beginn der einzige Kapitalist gewesen, erzählt Steidl, alle anderen waren in verschiedenen kommunistischen Gruppen organisiert. Ein Grund für ihn, den Bau eines Gebäudes erst mal auszusetzen. Zwei Jahre lang habe er die zugewachsene Fläche als Lesegrundstück genutzt, ausgestattet mit einem bequemen Stuhl und schön verborgen. Dann baute er doch, richtete sich ein und blieb. „Es war nicht praktikabel umzuziehen“, erklärt Steidl mit Blick auf die Einrichtung seiner Firma. Alles Geld habe er in technische Ausrüstung investiert.

Beuys hatte ihn damals beinahe nach Düsseldorf gelockt. Im Alter von 24 Jahren habe er für den Künstler gearbeitet und sei ständig in diese Großstadt mit der Kunstakademie gefahren. Beuys habe ihn mit Künstlern bekannt machen wollen, auch einen Arbeitsraum habe er bereits angeboten bekommen, eine alte Fischräucherei. Steidl entschied sich dagegen und entwickelte eine andere Idee: „Ich bleibe in der Provinz, und die Leute kommen zu mir.“

Mit Göttingen verbinde er ein Gefühl von Zuhause, sagt Steidl. Früher habe er hier Kommunalpolitik betrieben, auch heute informiere er sich darüber, was hier passiert. „Es ist ein Stück Heimat, das ich nicht missen möchte.“

Seinen 65. Geburtstag hat er jetzt – ohne ihn zu feiern. Solche Feste mag er nicht, geht auch nicht hin, wenn er eingeladen wird. Ob er jetzt kürzer treten wird mit Erreichen des Rentenalters? Steidl lacht. „Da halte ich es mit Karl Lagerfeld“, erklärt er. „Der sagte einmal: Ich habe lebenslänglich – und dem schließe ich mich an.“

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