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Verratene Ideale und die Sache der Muslime

Heinrich August Winkler beim Literaturherbst Verratene Ideale und die Sache der Muslime

Wissenschaft und Literatur treffen sich beim 19. Göttinger Literaturherbst. Bis Sonntag, 17. Oktober, sind im Deutschen Theater, der Paulinerkirche, dem Alten Rathaus und der Universitätsaula Lesungen bekannter Autoren.

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Modernitätsdefizite des Islam und die Ideale des Westens: Thema von Historiker Heinrich August Winkler.

Quelle: Vetter

Solange Menschen in der Türkei den Völkermord an den Armeniern nicht Völkermord nennen können, ohne sich vor Gericht verantworten zu müssen, solange gibt es für die Türkei keinen Platz in der Europäischen Union. Diese Position vertritt der Berliner Historiker Heinrich August Winkler. Beim Literaturherbst stellte er den ersten Band seiner „Geschichte des Westens“ vor. Der Westen, so führt er in dem Buch auf mehr als 1000 Seiten aus, ist ein Projekt zur Durchsetzung der parlamentarischen Demokratie, der Menschenrechte, der Gewaltenteilung und des Rechtsstaates.

Der Westen habe seine Ideale oft verraten, räumt Winkler ein. Das Projekt sei bis heute unvollendet geblieben. Die Türkei bekenne sich aber nicht einmal vollen Herzens zur Idee des Projektes, so der Wissenschaftler in der Diskussion. Das Land sei auch kein laizistischer Staat, wie oft behauptet werde. Es gebe eine große Behörde, die sämtliche Vorbeter des Landes beschäftige und kontrolliere. So genießen nicht einmal die Muslime in der Türkei Religionsfreiheit, von Minderheiten wie den Christen einmal ganz abgesehen, kritisierte Winkler.

Der 1980 am Historikerstreit beteiligte Winkler fragt sich zudem, ob die Verantwortlichen in der Türkei wirklich verstanden haben, worum es bei der europäischen Einigung geht. Die Europäer hätten nach zwei Weltkriegen genug vom übersteigerten Nationalismus und setzten auf Zusammenarbeit. Andere historische Erfahrungen habe die Türkei gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg hätten Engländer und Franzosen das Land aufteilen wollen. Das hätte eine Widerstandsbewegung unter Führung der Kemalisten abgewendet und den türkischen Nationalstaat gegründet. Die Souveränität genieße eine Hochschätzung, die den Europäern fremd geworden sei. Die europäischen Staaten würden Teile ihrer Souveränität an Brüssel abtreten.

Der 1938 in Königsberg geborene Historiker zollt der Türkei jedoch für ihre „großen historischen Leistungen bei der Teilverwestlichung“ Respekt. Er habe, so sagt Winkler im Alten Rathaus, bereits vor Jahren eine „privilegierte Partnerschaft“ zwischen der Türkei und der Europäischen Union gefordert. Seine eigene Partei, die SPD, habe das nicht aufgegriffen. Die EU hätte sogar Beitrittsverhandlungen aufgenommen. Diese kommen nun bald in eine „sehr kritische Phase“, nämlich dann, wenn es um die volle Anerkennung Zyperns gehe. Der Historiker erwartet einen Verhandlungsabbruch. Die Diplomaten stehen seiner Ansicht nach vor der Herausforderung, eine Konfrontation zwischen beiden Seiten zu verhindern.
Klare Worte findet Winkler auch mit Blick auf die vier Millionen Muslime in Deutschland. Sie lebten seit Jahrzehnten in der Bundesrepublik und seien deshalb ein Teil der Gesellschaft. Dass der Bundespräsident für diese „wertfreie Tatsachenfeststellung“ in die Kritik geraten ist, kann der Berliner, bis 2007 Professor für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität, nicht verstehen. Auf den Hinweis, dass der Islam Probleme mit dem Projekt des Westens habe, reagiert er gelassen. Solche Probleme haben auch andere Religionen gehabt. So täten sich evangelikale Christen bis heute mit dem Projekt schwer.

Nach Einschätzung Winklers sind die „Modernitätsdefizite“ beim Islam jedoch „wohl am größten“. Anders als das Christentum habe der Islam keine Reformation erlebt. Er kenne auch keine Trennung zwischen göttlicher und weltlicher Sphäre. Von Muslimen in Deutschland verlangt Winkler das klare Bekenntnis zum Grundgesetz. Das sei „absolut nicht verhandelbar“. Im übrigen, sagt der Historiker und wandelt ein Zitat von Bertolt Brecht ab, könne die Befreiung der Muslime nur Sache der Muslime sein.

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Beck, München 2009, 1343 Seiten, 38 Euro.

Von Michael Caspar

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