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„Verrücktes Blut“: Junges und Deutsches Theater kooperieren

Sag’s mit Schiller „Verrücktes Blut“: Junges und Deutsches Theater kooperieren

Sonja Kelich ist Lehrerin, sogar eine engagierte, eine mit Idealen. Das allerdings hilft ihr wenig, denn die, die sie mit Friedrich Schiller bilden will, die wollen das gar nicht. Ihre Namen lauten Mariam, Latifa, Musa, Hakim, Ferit, Hasan und Bastian.

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Lehrerin Kelich (Gaby Dey) verschafft sich Respekt – auch von Latifa (Linda Elsner).

Quelle: Heise

Göttingen. Fast alle besitzen einen Migrationshintergrund. So heißt das politisch korrekt. Doch politisch korrekt läuft an diesem Abend im Jungen Theater (JT) wenig. Intendant Nico Dietrich brachte das Stück „Verrücktes Blut“ 2013 am Deutschen Theater (DT) heraus, in seiner ersten Spielzeit als JT-Intendant setzte er es wieder auf den Spielplan. Damit stieß er eine bemerkenswerte Kooperation zwischen dem JT und dem DT an. Zum Ensemble gehören Schauspieler beider Häuser, die Dramaturgie teilen sich Philip Hagmann (DT) und Tobias Sosinka (JT). Und Gertrud Schmidt vom DT souffliert jetzt im JT. Premiere war am Sonnabend.

„Verrücktes Blut“ war 2011 Stück des Jahres in Deutschland. Nurkian Erpulat und Jens Hillje haben es im Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg entwickelt, dort wo Latifa, Musa, Ferit und die anderen leben und eben auch zur Schule gehen. Der Migrantenanteil ist sehr hoch in den Klassen, manchmal wird sehr wenig Deutsch gesprochen. Oder dieses Deutsch wie in der Klasse von Sonia Kelich, das vor üblen Kraftausdrücken nur so strotzt.

Dabei ist die Kelich doch sehr feinsinnig und klug. Nur an Durchsetzungsvermögen fehlt es ihr, in dieser Klasse ist das kein Wunder. Hier herrscht Musa. Wenn er mit dem Finger zeigt, springen die anderen. Das ändert sich dramatisch, als der Lehrerin Musas geladene Pistole in die Hände fällt. Jetzt bestimmt Kelich, wie die Unterrichtsstunde fortgesetzt wird – mit Schiller nämlich, „Die Räuber“ und „Kabale und Liebe“.

Es gibt wohl kein Klischee über die Jugendlichen, deren Eltern aus der Türkei oder aus arabischen Ländern stammen, das nicht Eingang ins Textbuch gefunden hätte. So sieht es auf den ersten Blick aus. Doch nach und nach ändern sich Perspektive und Ton. Irgendwann raunt Thilo Sarrazin aus dem Mund der Lehrerin. Jugendliche sollen befreit werden von etwas, das sie nicht unterdrückt. Plötzlich verstehen die Migrantenkinder Schiller und benehmen sich sehr Deutsch. Und am Ende ist alles doch nur Theater. Oder nicht?

Regisseur Dietrich hat das sehr präzise auf den Punkt gebracht. Der Abend besitzt Witz und bei aller Schwere hier und da auch eine schöne Leichtigkeit. Die Kraft des Stückes wird ihm die Arbeit erleichtert haben – wie auch das bemerkenswert geschlossen agierende Ensemble, aus dem eine herausragt. Gaby Dey spielt Lehrerin Kelich mit einer Kraft und Souveränität, die mitreißt. Ganz großes Theater.

Die nächsten Vorstellungen: 18., 20. und 21. November um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Hinzu kommen vormittags Schulvorstellungen. Kartentelefon: 05 51 / 49 50 15.
 
► Kommentar: Neue Nähe
Peter Krüger-Lenz

Peter Krüger-Lenz

Quelle:

Was für ein Auftakt! Zum ersten Mal kooperieren das Junge und das Deutsche Theater so eng und prompt gelingt mit „Verrücktes Blut“ ein großer Wurf. Im Vorfeld hatte JT-Schauspielerin Linda Elsner gesagt, es sei toll, dass sie durch diese Zusammenarbeit mit einer DT-Kollegin wie Gaby Dey gemeinsam auf der Bühne stehen dürfe. Und Dey wird ihr Vergnügen an der Arbeit mit den jungen Kollegen gehabt haben.

DT-Schauspieler und einige Mitarbeiter des DT-Leitungsteams waren zur Premiere gekommen, auch DT-Intendant Erich Sidler. Das hat es auch früher schon gegeben, aber nicht mit dieser Präsenz und Durchmischung. Ein Anfang ist gemacht. Jetzt gilt es, die neue Nähe zu pflegen.

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