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Vielseitig, schwierig, wohlhabend

Hoffmann von Fallersleben Vielseitig, schwierig, wohlhabend

Dass er die niedrigen Göttinger Häuser als Mördergruben bezeichnete, hatte seinen Grund: Heinrich Hoffmann von Fallersleben war ein hünenhafter Mann. Was ihm nicht passte, erntete Hohn und Spott.

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Von Otto Rasch gemalt: Hoffmann in Corvey.

Quelle: EF

Der Dichter des Deutschlandliedes kehrte nach seinen wenigen Semestern an der Georgia Augusta oft zurück nach Göttingen: Er schätzte die Universitätsbibliothek – vielleicht auch, weil deren Raumhöhen seiner Statur nicht gefährlich wurden – und die Universität als ehemalige Wirkungsstätte der bekannten Professoren Jacob und Wilhelm Grimm, die er persönlich kannte. Der Buchwissenschaftler Bernt Ture von zur Mühlen hat eine Biographie über Hoffmann geschrieben, die den Wissenschaftler und Dichter als fachlich vielseitigen und menschlich schwierigen Menschen darstellt. Und die viel detailreichen Einblick liefert in die Zeit der politischen Veränderungen in Deutschland.

Auf dem Klosterhof von Corvey an der Weser wurde Heinrich Hoffmann am 24. Januar 1874 beigesetzt. Da waren viele seiner Verdienste schon vergessen oder wurden überstrahlt von seiner Bekanntheit als Dichter des Deutschlandliedes, das er 1841 auf Helgoland geschrieben hatte, und der meisten deutschen Kinderlieder. „Winter, ade!“, „Alle Vögel sind schon da“ oder „Ein Männlein steht im Walde“ gehören zu den Liedern, die Hoffmann textete ohne ein Musikinstrument zu spielen oder die Notenschrift zu beherrschen.

Der 1798 geborene Gastwirts- und Kaufmannssohn aus Fallersleben bei Braunschweig machte sich als Göttinger Student 1818 zu einer Wanderung in den Semesterferien auf: Kassel, Wartburg, Jena, Fallersleben, Göttingen. In Kassel soll er Jacob Grimm getroffen haben. Hoffmann erzählte von seinen Plänen, später nach Italien und Griechenland reisen zu wollen, um dort die alten Kunstwerke zu studieren. „Liegt Ihnen Ihr Vaterland nicht näher“, soll Grimm gefragt haben. Hoffmann von Fallersleben hat die Begegnung immer als Wendepunkt dargestellt und damit seinen Entschluss begründet, statt Theologie nun deutsche Sprache und Literatur zu studieren. Es ist bezeichnend für den Stil von Biograph von zur Mühlen, dass er vorsichtig Hoffmanns Darstellungen aus Briefen, Tagebüchern und Autobiographie bewertet. Denn er und andere Hoffmann-Forscher haben Widersprüchliches zu Tage gefördert.

So hat der Dichter sich gerne als armen Poeten dargestellt und auch so gelebt. Dabei war sein Lebensunterhalt, den er sich als cleverer Geschäftsmann bei der Vermarktung seiner Schriften und Lieder, für ein Leben in Wohlstand ausreichend.
Wollte das Kind vom großen Dorf nicht zum wohlhabenden Gelehrten werden? Im Grunde schon. Aber ihm widerfuhr ein ähnliches Schicksal wie den Brüdern Grimm. Die waren vom hannoverschen König 1837 ihrer Ämter enthoben und des Landes verwiesen worden, weil sie als „Göttinger Sieben“ zu den Professoren gehörten, die gegen die Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover protestiert hatten.

Hoffmann aus Fallersleben studierte in Göttingen und Bonn, ging ohne Examen nach Berlin und wurde 1823 Kustos an der Königlichen- und Universitätsbibliothek Breslau. Dort machte er sich gleich unbeliebt, weil er den Zustand der Bibliothek „als noch sehr in Unordnung“ bezeichnete. Von zu Mühlen bemerkt dazu: „Für einen preußischen Bibliothekar war der Vorwurf der Unordnung, noch dazu aus dem Munde eines Berufsanfängers, mehr als nur eine Beleidigung.“

Hoffmann blieb im Umgang mit den Kollegen schwierig und drastisch direkt. Aber er punktete mit wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiet der deutschen Sprache und Literatur, wurde als Mitbegründer der Niederlandistik anerkannt und habilitierte sich mit dem Werk „Horae belgicae“. 1830 konnte er an die Universität Breslau wechseln. Das Kollegium an der Breslauer Universität musste den vom Berliner Ministerium Protegierten akzeptieren.

Im Jahr 1840 schrieb er die „Unpolitischen Lieder“. Darin kritisierte er deutsche Kleinstaaterei, Fürstenwillkür und Adelsherrschaft, Zensur und Polizeibespitzelung. Hoffmann sprach sich für eine allgemeine demokratische Freiheit des Bürgertums aus. Das Volk und die Studenten bejubelten Hoffmann und seine Lieder, aber der preußische Staat enthob ihn im Januar 1843 des Amtes an der Universität Breslau und entließ ihn.

Seine Kritik machte ihn bekannt und zu einem Wegbereiter der deutschen Revolution von 1848. Beruflich musste er fortan als Schriftsteller und Bibliothekar schaffen. 1860 übernahm er die Schlossbibliothek in Corvey bis zu seinem Tod. Biograph von zur Mühlen stellt Hoffmanns ungewöhnliches und unangepasstes Lebens dar, hinterfragt das Bild, das der Dichter von sich hinterließ, weil es oft mehr dem Wunsch als der Wirklichkeit folgte. Rundum aufschlussreich.

Bernt Ture von zur Mühlen: „Hoffmann von Fallersleben“. Wallstein-Verlag 2010, 405 Seiten, 24,90 Euro.

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