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Vier skurrile Mieter

Kabarett mit Weininger im Göttinger Apex Vier skurrile Mieter

Ein wirklich ehrenwertes Haus: Im Erdgeschoss ein Beerdigungsinstitut samt munterem, geldgierigem Bestatter. Im ersten Stock der immer angetrunkene Karnevalist, der mit Vorliebe das ganze Haus mit seinem Lieblingslied „Viva Colonia“ beschallt – auch wenn unten ein Kondolenzgespräch läuft.

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Arbeitslos und Spaß dabei: eine Weininger-Figur.

Quelle: Heller

Außerdem ein Marketingexperte, der Weinproben im Kindergarten durchführt und sein Konzept des Schulsponsoring samt der Lizenz zum Fahrradklau anpreist. Im Dachgeschoss schließlich ein Arbeitsloser, dessen ganze Garderobe aus zwei knitterigen Ballonseiden­jogging­­anzügen besteht und der über die Mühen des Ausschlafens doziert. Diese ungleichen Mieter stellen sich nacheinander dem Publikum im Göttinger Apex vor und reden dabei ziemlich viel. Vor allem übereinander.
Kabarettist Volker Weininger schlüpft in seinem Bühnenprogramm „Bestatten, Weininger“ von der einen in die andere Rolle der ungleichen Exzentriker und pöbelt, nörgelt und quasselt sich durch den Abend. Als Bestattungsunternehmer erklärt er unschuldig seine Welt und lässt es dabei vor allem an der nötigen Würde fehlen, die in seiner Zunft doch sonst so selbstverständlich ist. Weininger steht herrlich pietätlos auf der Bühne neben dem geschmacklosen Beerdigungskranz mit Schleierkraut und rosa Rosen und verteilt munter seine Visitenkarten an die Raucher im Publikum. Seine Stärken zeigt Weininger vor allem im spontanen Umgang mit dem Publikum. Als plötzlich jemand aus dem Publikum laut niesen muss, kommentiert er trocken und ganz in Bestattermanier: „Das hört sich ja verheißungsvoll an.“ Er analysiert sein Einzelgängerdasein und erinnert sich an Vorwürfe aus seiner Kindheit: „Gegen dich war Kaspar Hauser eine Kontaktmaschine.“

Auch wenn es vornehmlich um den Bestatter gehen soll, kommt doch eine andere Figur aus Weiningers Programm beim Publikum deutlich am besten an: Der angetrunken schimpfende Karnevalspräsident aus dem ersten Stock hat es dem Publikum so angetan, dass es ihn später gar nicht mehr gehen lassen will. Am Ende des Abends wird für ihn vom Publikum sogar noch eine Flasche Bier besorgt, um ihn damit länger auf der Bühne zu halten. Und dabei steht es um seinen Karnevalsverein gar nicht gut. Sein jüngstes Funkenmariechen ist dem Krematorium näher als dem Klimakterium und die Seniorentanzgruppe „Grauer Star“, die seit 1955 in unveränderter Formation auftritt, ist die einzige, die mit ihrem „Gehhilfenbuggy“ den Saal noch zum Kochen bringen kann. Ein vergnüglicher Abend mit bizarren Charakteren, die wohl deshalb so amüsierten, weil am Ende doch jeder im Saal froh war, nicht Teil dieses Wohnexperiments zu sein.

Von Indra Hesse

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