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Vladimir Sorokin liest im Literarischen Zentrum Göttingen aus „Telluria“

„Wie aufgereihte Stiljuwelen“ Vladimir Sorokin liest im Literarischen Zentrum Göttingen aus „Telluria“

Der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin hat vor einem deutsch-russischen Publikum seinen Zukunftsroman „Telluria“ vorgestellt. Anja Johannsen, Leiterin des Literarischen Zentrums, bezeichnet ihn als „einen der spannendsten Autoren der gegenwärtigen Weltliteratur“. Die Veranstaltung wurde von der Slavistin Susanne Frank moderiert und gedolmetscht.

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Der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. „Telluria“ ist in 50 Kapitel unterteilt, die alle in einem anderen Stil geschrieben sind. Die Figuren der  Sequenzen wiederholen sich nicht. „Das einzige, was den Roman zusammenhält, ist die Droge Telluria“, erläutert Frank. Die Welt des Romans liegt in der Zukunft und ist im Zerfall begriffen. Russland und die europäischen Staaten haben sich in kleine Fürstentümer aufgespalten: Preußen und Bayern, die sozialistische sowjetische Stalin-Republik und Moskowien und viele andere.

Sorokin vergleicht die Erzähltechnik seines Romans mit einem Facettenauge: „Es ist der Versuch, aus der Perspektive der Zukunft einen Blick auf die Gegenwart zu werfen.“ Die Welt könne nicht mehr mit einer linearen Prosa beschrieben werden, meint Sorokin. Deshalb habe er aus so vielen Blickwinkeln geschrieben.

In „Telluria“ beschreibt der 60-Jährige russische und europäische Ängste. „Ich versuche nicht, gewaltsam etwas vorherzusagen, sonder mit meiner Intuition genau zu beobachten“, erklärt Sorokin sein Vorgehen beim Schreiben. Sein Buch sei ein Laut des Vorgefühls wie der eines Tieres, das ein Erdbeben nahen spürt.

Frank, die Sorokin schon lange kennt, vergleicht den Roman mit „aufgereihten Stiljuwelen“. Sie fragt, ob Sorokin damit eine neue Gattung erschaffen wolle. Der Schriftsteller, der in seinem Buch „Roman“ den Tod des Romans vorhersagt, weicht der Frage aus. Er habe, seit er „Telluria“ vor drei Jahren beendete, keine künstlerische Prosa mehr geschrieben.

„Die Literatur ist für mich persönlich die stärkste Droge“, sagt Sorokin. Er brauche aber Abwechslung, sonst würde er Moos ansetzen. Sorokin, der früher als Buchillustrator arbeitete, malt jetzt wieder: einen Zyklus von 15 Bildern in allen Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts.

In Sorokins „Telluria“ gehen Zerstörung und Schöpfung Hand in Hand. Eine Droge, die wie ein Nagel in den Kopf gehämmert wird, ist die verlässlichste Quelle des Glücks. „Leute, die mit dem Leben zufrieden sind, schreiben keine Romane“, sagt Sorokin.

 Von Jorid Engler

Vladimir Sorokin: „Telluria“, Kiepenheuer&Witsch, 416 Seiten, 22,90 Euro.

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