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Vollkommene Verflechtung

Vollkommene Verflechtung

Mit ihrer Virtuosität begeisterte die Pianistin Malgorzata Walentynowicz in Göttingen die Zuhörer ihres Konzertes im Goethe-Institut. Ausgezeichnete Neue Musik war ebenso zu hören wie Synthesen mit Jazz und klassische Musik. 

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Pianistin Malgorzata Walentynowicz

Quelle: Theodoro da Silva

Schüchtern lächelnd betrat die Pianistin Malgorzata Walentynowicz den Saal des Goethe-Instituts, ein paar schwarze Mappen in der Hand. Einige Sekunden Stille, dann erklang erst behutsam, später beschleunigt, das perlende Arpeggio des ersten Satzes von Tristan Murails „Les travaux et les jours“. Das Werk des zeitgenössischen französischen Komponisten spiegelt die Einflussnahme des Jahreslaufes auf den Kompositionsprozess wider. Die verworrenen Klangfäden des Stücks vermochte die zurzeit in Stuttgart studierende Polin geschickt zusammenzuflechten: Scheinbar mühelos spielte sie sich durch die äußerst anspruchsvolle Partitur.

Auch in Arnold Schönbergs Klaviersuite op. 25 war das Publikum staunender Zeuge ihrer beeindruckenden Technik. Die Suite war das erste Stücke des Zwölftonkomponisten, in dem allen sechs Sätzen die gleiche zwölftönige Skala zugrunde lag. Genial variiert verlangt es an den beeindruckendsten Stellen die vollkommene Verflechtung der Melodielinien und somit auch der Hände, die Walentynowicz miteinander duellierend in furiosen Läufen über die Tasten gehen ließ.

James Clarkes „Landschaft mit Glockenturm“, das die zweite Hälfte des Klavierabends einleitete, ist weniger virtuos, dennoch mindestens genauso eindrucksvoll. Die im Jahr 2003 entstandene Komposition hört sich dank seiner programmatischen Anlage wie ein Bild und lebt vom Dualismus sanfter Glockenmelodien und harten, unerbittlichen Donnerschlägen großer Kirchenglocken.

Plötzlich Swing 

Auch Theo Loevendies „Strides“ überraschte, als die Pianistin plötzlich anfing, zu swingen: Kein Zufall, denn Loevendie ist normalerweise Leiter einer Big Band und bewies mit bordunähnlichen Klangfiguren, dass die Synthese von Neuer Musik mit rhythmischen Elementen des Jazz sehr gut funktioniert.

Walentynowicz studierte Klavier an der Musikakademie Danzig und bei Gerrit Zitterbart an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Ihre Virtuosität wurde bereits auf mehreren internationalen Wettbewerben für Neue, aber auch klassische Musik ausgezeichnet. 

Dass sie sich diese auch redlich verdient, stellte sie im letzten Stück des Abends, dem Klavierstück Nr. 5 „tombeau“ von Wolfgang Rihm, unter Beweis: Unschuldig verhallt der erste Klang bis zur vollständigen Stille, bevor es das Stück förmlich zerreißt und die überwiegend in Oktaven geführten Läufe der Interpretin große Kraftreserven geraubt haben müssen, was ihr jedoch nicht anzumerken war. Dann erklangen wieder ruhigere Passagen, bis mit dem Ton „a“ eine vollständige, repetetive Stagnation einsetzte, die leise vom „cis“ gefolgt wurde. Ein mildes Ende, eine Versöhnung mit der Tonalität? Weit gefehlt. Das Abendprogramm endete mit einem düsteren Finale, das die Zuhörer begeistert in die Nacht entließ.

                                                                                                                                                                                       Jonas Rhode

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