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Vom Holzhammer bis zur Poesie

Händel-Jubiläumsjahr 2009 Vom Holzhammer bis zur Poesie

Noch bis zum kommenden Sonntag feiert Halle an der Saale seine Händelfestspiele im 250. Todesjahr des Komponisten: rund 80 Veranstaltungen mit 2000 Mitwirkenden. Michael Schäfer hat vier Festspieltage in Händels Geburtsstadt verbracht – mit Opernpremieren, Oratorien, Konzerten und mehr.

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Auf grünem Grund: Händel-Denkmal auf dem Marktplatz in Halle an der Saale.

Quelle: Schäfer

Man sieht, dass Halle Händel feiert. Dem Händel-Denkmal auf dem Marktplatz hat die Stadt ein grünes Rasen-Rechteck gegönnt, die Marktstände sind für die Festspieldauer vom Platz verbannt, so dass der Blick frei über die leere Fläche schweifen kann. Selbst der Zaun an Halles berühmtem Loch vor der Händel-Halle („Wir feiern 2009 nicht 20 Jahre Mauerfall, wir feiern 20 Jahre Loch“, spottet ein Hallenser) sollte mit violettem Textilbehang zu einer Zierde werden. Fast hätte das geklappt.  

Doch wichtiger ist, was es zu hören gibt. Und da hat Halle in diesem Jahr wahrhaftig nicht gespart. Schon die ersten vier Festspieltage boten ein opulentes musikalisches Programm. Beim Festakt – diesmal nur für geladene Gäste – gab Dirigent Christopher Moulds seine Visitenkarte mit dem Schlussakt des „Occasional Oratorio“ ab: ein temperamentvoller englischer Musiker, der dem Händelfestspielorchester bisweilen mehr abforderte, als es derzeit zu leisten imstande ist. 

Unaufdringlich bravourös

In „Acis and Galatea“ konnte der Stadtsingechor Halle zwar schöne helle Knabensopranstimmen präsentieren, doch insgesamt konnte in der Aufführung unter der Leitung von Frank-Steffen Elster noch nicht der Händel-Funke überspringen. Das änderte sich beim „Messiah“ mit Chor und Orchester der Academy of Ancient Music entscheidend. Das von Christopher Hogwood geprägte, heute nicht minder kompetent von Richard Egarr geleitete Ensemble setzte mit dieser hochpräzisen, virtuosen, bewegenden Aufführung Maßstäbe. Unter den Solisten sei die ganz unaufdringlich bravouröse Altistin Wilke te Brummelstroete hervorgehoben, die auch mehrfach bei den Göttinger Händel-Festspielen zu hören war.

Vom Oratorium zur Oper: Ein junges Sängerensemble hat Wolfgang Katschner für die von ihm dirigierte Händel-Oper „Serse“ mit der Lautten Compagney zusammengestellt. Die Premiere im Goethe-Theater Bad Lauchstädt entzückte musikalisch, unter anderem mit dem fulminanten Mezzosopran von Luciana Mancini (Amastre) und den zauberhaft hellen Sopranen von Paula Turcas (Romilda) und Heidi Maria Taubert (Atalanta). Regisseur André Bücker meint, per Videoeinspielung aktuelle Bezüge herstellen zu müssen (iranische Luftwaffe, ASAF-Truppen, Atombombene im fröhlichen Finale): Diese Holzhammermethode ist nicht unbedingt nötig. Aber man kann ja weggucken.

Tiefdunkel timbriert

Von derartigen Regiespielchen sieht Vincent Boussard in seiner „Floridante“-Inszenierung im Opernhaus Halle ab. Ein ovaler Tisch, spiegelnde Wände, sonst nichts auf der Bühne, dazu Sänger, die sich auf den Tisch legen oder auf dem Boden wälzen müssen – na ja. Aber singen können sie, etwa die fabelhafte, tiefdunkel timbrierte Mariselle Martinez in der Titelpartie oder die federleicht singende Sopranistin Sonya Yoncheva. Sein Temperament kann Dirigent Christopher Moulds hier abermals zeigen (und die Oboen des Händelfestspielorchesters kamen abermals nicht ganz hinterher).

Die Entdeckung der Festspiele aber ist das Berliner Ensemble „Nico and the Navigators“. „Anaesthesia“ hat es sein selbst zusammengestelltes Händel-Pasticcio genannt: ein poetisches, hochästhetisches  Körpertheater mit einem ausgesprochen klugen musikalischen Arrangement der österreichischen Musikbanda „Franui“, in dem Hackbrett und Saxophone der Musik Händels ganz neue Farben verleihen, ohne sie zu verbiegen. Einfach hinreißend.

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