Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Von „Klappstullen“, „Fräulein“ und „Ehehygiene“

Göttinger Literaturherbst Von „Klappstullen“, „Fräulein“ und „Ehehygiene“

Auf der Bühne des Deutschen Theaters nehmen drei Herren Platz. Es sind die renommierten Journalisten Henryk M. Broder, Michael Miersch und Dirk Maxeiner, die ihr aktuelles Buch beim 19. Göttinger Literaturherbst vorstellen wollen.

Voriger Artikel
Herausgeber der Tagebücher von Harry Graf Kessler geehrt
Nächster Artikel
Ruhiger Veranstalter

Wehmütiger Blick zurück ohne Zorn: Henrik M. Broder, Michael Miersch und Dirk Maxeiner (von links).

Quelle: Vetter

Komplettieren sollte das Autorenquartett eigentlich Josef Joffe, der aber nicht mit in Göttingen weilt, sondern, so die Erklärung, beim Minigolfspielen in der Türkei oder bei einer Ayurveda­kur in Bagdad. Warum er allerdings wirklich fehlt, erfährt das Publikum nicht. Gelesen werden soll aus ihrem im September erschienenen Werk „Früher war alles besser. Ein rücksichtsloser Rückblick“.

Das Buch stelle eine etwas andere Zeitgeschichte dar und sei eine Sammlung persönlicher Erinnerungen, so Miersch zu Beginn. Der Anlass dazu sei die Beobachtung gewesen, dass es Themen wie die steigende Lebenserwartung und der vermehrte Wohlstand in den vergangenen Jahrzehnten nicht so oft auf die Titelblätter der Zeitungen geschafft hätten, wie sämtliche neuzeitlichen Fünf-vor-Zwölf-Schreckensmeldungen von Ressourcenknappheit bis Rinderwahn. Angesichts dieser Entwicklung und des dazu passenden, über allem schwelenden „Früher war alles besser“-Glaubens der Gesellschaft, lasse höchstens noch das Wort „Zahnheilkunde“ den Gedanken an den positiven Effekt des Fortschritts und der Zukunft zu.

Nach dieser Einleitung ist zu erwarten, dass dieses Buch einen satirisch aufgemachten Gegenentwurf darstellt und dabei die vermeintliche gute alte Zeit als eben das entlarvt, was sie ist: alt und nicht nur gut. Umso mehr verwundert, was nun folgt: Die drei Autoren lesen abwechselnd aus den von ihnen beigesteuerten Kapiteln, deren Themen sich irgendwo zwischen der guten alten „Klappstulle“, dem Wort „Fräulein“ und dem heute aberwitzig anmutenden Begriff „Ehehygiene“ erschöpfen.

Die erwartete pfiffig satirische Sicht auf die „alte Zeit“ wird in den gelesenen Passagen dabei von einer so großen Portion liebevoller Nostalgie überdeckt, dass der „rücksichtslose Rückblick“ eher zu einer Ode an längst vergangene Zeiten verkommt, als geprägte Fehleinschätzungen süffisant aufzudecken und zu karikieren.

Die Autoren verlieren sich in ihren eigenen Erinnerungen, die eben genau das sind, was sie ja eigentlich nicht sein wollen: Erinnerungen daran, wie schön es früher doch eigentlich war. Wie sollen die zwar wortwitzig, aber doch schwärmerisch erinnerten Betrachtungen über Aufklärungsfilme der 1960er Jahre, das freie herumtoben in der Natur als Kind und die Augsburger Puppenkiste dazu führen, den vermeintlich ironisch gemeinten Blick der Autoren auf die Vergangenheit darzustellen? Dabei hilft auch nicht, dass die drei sich zwischendurch immer wieder gutgelaunt in kabarettistisch anmutender Wortakrobatik über ihre Erfahrungen und Meinung auszutauschen versuchen.

Maxeiners Kapitel über Natur und Technik lässt sogar eher den Karikaturisten der neuen als der alten Zeit durchblicken: „Früher hieß es einfach „Jahreszeiten“, heute heißt es „Klimakatastrophe“. Und Broder resümiert: „Früher war nicht alles besser, sondern alles unbefangener!“ Warum aber haben sie ihrem Buch nicht einfach den Titel gegeben: „Wir finden, Früher war total schön. Und wir stehen dazu.“

Von Indra Hesse

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Kommentar

Wieder einmal ist der Lesemarathon beendet. 36 Autoren und Wissenschaftler, dazu entsprechend viele Moderatoren, waren zu Gast in den zehn Tagen des 19. Göttinger Literaturherbstes.

mehr
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag