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Von Papst bis Kanzlerin – keiner bleibt verschont

Reiner Kröhnert Von Papst bis Kanzlerin – keiner bleibt verschont

Klaus Kinski ist auferstanden! Und die CDU will „Jesus Kinski den Erlöser“ als ihren Ehrenvorsitzenden. Um das „C“ in der CDU zu retten und wieder als Christdemokraten durchgehen zu können: „Lassen Sie uns die CDU auf Erlöserkurs bringen“.

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Mit hängenden Mundwinkeln und sonorer Stimme: Angela (Kröhnert) Merkel im Alten Rathaus.

Quelle: CR

Mit blonder, strähniger Perücke und mit einem Hemd aus verschiedensten Blümchenstoffen, mimt der Kabarettist Reiner Kröhnert den Ausnahme-Schauspieler in seiner wohl absurdesten Rolle: Beim skandalträchtigen Theater-Happening in Berlin, als Kinski über die Leiden des Messias sprechen wollte. Doch nicht dazu kam, da er in einem fort von seinem Publikum unterbrochen wurde, das keine Predigt, sondern diskutieren wollte. Die Unterbrechenden an diesem Abend sind aber keineswegs auf Diskussion aus, sondern wollen sich in erster Linie selbst reden hören.
Mit enormer Rasanz und beißendem Humor zieht Kröhnert Granden der Politik und Kirche durch den Kakao. Allen voran die CDU: Nach Wett-Buckeln zwischen Ronald Pofalla („Ich buckle, also bin ich“) und „CDU-Ersatz-Heiland“ Peter Hintze in der Michel Friedmann-Show auf N24, „Studio Friedmann“, betritt Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bühne.
Mit hängenden Mundwinkeln und sonorer Stimme erzählt sie, wie sie ihren Männergeschmack im „koalitionären Lotterbett“ auf ein Mikrobenmaß reduzieren musste: Von Helmut Kohl, der ihr mit seinen „träufelnden Bratwurstpranken“ auf den Schultern den Weg geebnet hatte, über Ex-Vize Frank Walter Steinmeier („Wenn jemand sagt meine Mundwinkel seien unten, dann sind die von Steinmeier am Doppelkinn festgemacht“) bis Guido Westerwelle („Esel sind ja intelligente und genügsame Tiere“). Dazwischen schwenkt Friedrich Merz sein Kapitalismusbuch – eine neuartige Bibel. Und auch der ehemalige Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, Norbert Blüm, hat seinen Auftritt – mit einem einzigen, sehr verheißenden Satz: „Die Renden sin sichääär“. Dann betritt Papst Benedikt als göttlicher Vertreter die Szene („Nein ich bin nicht Jesus Christus, ich bin nur sein Stellvertreter“). Und möchte – eher grotesk denn komisch – Nachsicht für Holocaust-Leugner Richard Williamson („Ich leugne nicht, ich verstehe. Ich bin sozusagen ein Holocaust-Versteher“) oder pädophile Neigungen („Satan, lauert in so harmlosen Worten wie Blasius oder Domspatzen“).
Während Finanzminister Wolfgang Schäuble detailliert von seiner Verwandlung in einen Avatar mit entsprechendem Zehenkribbeln berichtet, folgt Auferstehung, Numero Zwei: Erich Honecker ist zurück und erzählt – mit unverkennbar sprachlicher Leichtigkeit („Liebe Genossinnennnnunndgenossen“) – von seinem Alptraum, dass die Mauer weg und eine FDJ-Aktivistin gesamtdeutsche Kanzlerin ist.
Zu Guter Letzt kann Kinski alias „Jesus Kinski“ doch das Wort ergreifen und liest in bekannter Manier allen gehörig die Leviten.
Zurück bleibt – trotz der extraordinären kabarettistischen Darbietung – ein eher schaler Geschmack punkto Moral und Ethik in Politik und Religion. Doch damit nicht genug. Wer glaubt, es stand nur die CDU im Kreuzfeuer, der irrt: Als Draufgabe gibt Kröhnert Gerhard Schröder, der die „SPD von ihrem „S“-Fehler geheilt hat“ und Grünen-Urvater Daniel Cohn-Bendit, der die Grünen heute als „grundsolide Mehrheitsbeschaffer-Partei“ bezeichnet.
Resumée des Abends: Es sind also alle gleich? Dazu könnte Kröhnerts letztes Wort nach dem Schlussapplaus passen: „Amen“.

Von Karoline Jirikowski-Winter

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