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Von Simsalabim bis zur fast perfekten Welt

Die Kinostarts für Göttingen Von Simsalabim bis zur fast perfekten Welt

Von "The Shallows" bis "Elliot, der Drache": Ab Donnerstag starten wieder eine Reihe neuer Filme in den Göttinger Kinos. Wir haben alle Filme einmal für Euch zusammengefasst.

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Blake Lively als Nancy in einer undatierten Szene aus dem Film «The Shallows».

Quelle: dpa

Romanze mit drolliger Heldin: „Die fast perfekte Welt der Pauline“ aus Frankreich

Von Stefan Stosch

Die Sache mit der Mausefalle ist typisch für Pauline. Der Verkäufer empfiehlt ihr eine Falle, in der die Maus festkleben und vor Angst sterben soll. Da erschrickt zunächst einmal Pauline. Das kann man mit der Maus doch nicht machen! Der Verkäufer bietet ihr eine Lebendfalle für den unwillkommenen Gast an. „Ist es da drin nicht ein bisschen eng?“, fragt die besorgte Pauline. Am Ende zieht sie mit einem Vogelkäfig ab, in dem sie fortan wunderbare Leckerbissen für die Maus präpariert.

So ist Pauline (Isabelle Carré, bei uns bekannt aus „Die anonymen Romantiker“) eben – ein bisschen verpeilt. Sie ist erst Ende dreißig, aber schon ziemlich schrullig. Oder vielleicht bloß noch nicht erwachsen? Besonders im französischen Kino sind solche Frauen beliebt. Man denke nur an „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Und wie heißt der zwanghaft abgeleitete Titel der aparten Romanze von Regisseurin Marie Belhomme, die hier ihr Kinodebüt vorlegt? Wenig überraschend: „Die fast perfekte Welt der Pauline“.

Der Originaltitel „Les Chaises Musicales“ ist da hilfreicher: Er bezieht sich auf das Spiel „Die Reise nach Jerusalem“ – Pauline ist der Typ, der es schwer fällt, einen Sitzplatz im Leben zu ergattern.

Von Beruf ist sie Musikerin. Ihr Geld verdient sie jedoch als Alleinunterhalterin bei Geburtstagspartys, bei denen sie in schrägen Kostümen auftaucht – zum Beispiel als geigende Banane im Altenheim. Manchmal wirkt sie auf den Geburtstagspartys kindischer als das Geburtstagskind selbst. Die Verkleidungen ermöglichen es ihr aber auch, mit sich selbst Verstecken zu spielen.

Sie muss sich nicht fragen, was sie im Leben wirklich will. Wie eine desorientierte Gauklerin irrt sie mit großen, manchmal auch erschrockenen Augen zwischen all ihren Terminen hin und her. Isabella Carré bekommt das mit poetischer Leichtigkeit hin, ohne ihre Figur lächerlich zu machen.

Dann aber passiert es: Im Darth-Vader-Kostüm will die wie immer verspätete Alleinunterhalterin einen Mann nach dem Weg fragen, erschrickt diesen aber so sehr, dass dieser in eine Grube stürzt und ins Koma fällt. Pauline ruft die Ambulanz, rast dann aber voller Panik davon zu ihrem nächsten Geburtstagsauftritt. Dann meldet sich ihr schlechtes Gewissen, und sie beginnt, dem Schwerverletzten hinterherzuspüren.

Aus dieser Konstellation hätte sich durchaus ein Psychothriller oder auch eine Almodóvar-Tragödie destillieren lassen: Schuld und Liebe würden dann eine gefährliche Melange eingehen. Hier piepen aber nur die Hightech-Geräte auf der Intensivstation bedrohlich, wo Pauline fortan als angebliche Cousine auftaucht, um mit dem Koma-Mann zu sprechen und sich bei ihm für ihre Feigheit zu entschuldigen.

Dabei belässt sie es nicht: Pauline beginnt, sich in das Leben von Fabrice (Philippe Rebbot) einzuschleichen. Sie meint es ja nur gut. Sie übernimmt seinen Job als – welcher Zufall! – Musiklehrer. Sie bricht in seine Wohnung ein und findet sich plötzlich in der Mutterrolle wieder, als die Ex auftaucht und den Sohn Arsène zur Wochenendbetreuung abgibt. Pauline rettet sich in eine Lüge, um die Abwesenheit des Vaters zu erklären. Prima kommt sie mit Arsène aus, genau wie mit dem melancholischen Basset-Hund namens Spleen.

So beginnt ein Spiel der Annäherung. Pauline imaginiert sich eine Beziehung mit Fabrice. In diesem Fall ist das jmit keinerlei Konsequenzen verbunden. Sie kann sich noch so sehr in Gefühle hineinsteigern, Fabrice kann nicht antworten, sondern nur daliegen. Das macht ihn zum perfekten Mann für die Unentschlossene.

Problematisch wird es erst, als Paulines Freundin Lucie (Carmen Maura) dem kleinen Arsène die Wahrheit sagt. Lucie ist in ihrer unbekümmerten Direktheit quasi der Gegenentwurf zu Pauline. Und richtig kritisch wird die Situation, als Fabrice aus seinem Dämmerschlaf erwacht. Traut sich Pauline, ihren Gefühlen zu folgen, oder taucht sie furchtsam wieder in ihre eigenwillige Welt ab?

„Die fast perfekte Welt der Pauline“ ist eine Sommerromanze mit einer drolligen Heldin. Gerne verbringt man eineinhalb kurzweilige Stunden mit dieser skurrilen Romantikerin. Pauline gewinnt gerade dadurch Sympathie, dass sie nicht so reibungslos wie die meisten anderen Zeitgenossen funktioniert.

Und, ach ja, die Maus: Die fängt Pauline tatsächlich im Vogelkäfig. Aber sie lässt sie selbstverständlich auch wieder laufen.

Mission: Simsalabim

Erfolg zaubert Fortsetzung: In „Die Unfassbaren 2“ treffen die vier Meistermagier in China auf Harry Potter

Von Matthias Halbig

Abrakadabra – Jesse Eisenberg lässt als Zauberer J. Daniel Atlas den Londoner Regen tatsächlich nach oben fallen. Die Regenschirmhersteller des filmischen Paralleluniversums dürften da scharf einatmen. Der Kinozuschauer in der wirklichen Welt indes denkt sich, dass Eisenberg hier auch darstellerisch wieder über deutlich mehr Magie verfügt als neulich als blass grimassierender Bösewicht Lex Luthor in „Batman v Superman“.

Die der Verbrechensbekämpfung verpflichteten „Four Horsemen“ müssen in Jon M. Chus „Die Unfassbaren 2“ wieder an Zauberstab, Zylinder und Trickkiste. Diesmal verschlägt es sie nach Macao (der chinesische Markt braucht chinesische Handlungsorte), wohin die Helden (Eisenberg, Woody Harrelson, Dave Franco und – neu im Verbund – Lizzy Caplan) unverhofft und mittels eines aufwendigen Tricks durch ein New Yorker Schuttrohr flutschen. Eigentlich wollten sie im Auftrag der geheimnisvollen Organisation „Das Auge“ gerade noch einen Silicon-Valley-Guru als Datenräuber auffliegen lassen. Die zugehörige Show aber erwies sich als Falle.

In China nun treffen sie auf einen Milliardärsspross, der eine Rechnung mit ihnen offen hat. Er zwingt sie, für ihn den MacGuffin dieses Films zu stehlen. Der hat die Gestalt eines perfekt gesicherten Chips, der alle Computer der Welt knacken und downloaden kann. Der nerdbärtige Superhacker in spe ist Daniel Radcliffe, der ein Jahrzehnt lang in Hogwarts den bravsten aller Zauberlehrlinge spielte.

Ein Hauch von Dschungelbuch

Disneys nächstes Waisenkind: „Elliot, der Drache“

Von Jörg Brandes

Erst kürzlich brachte Disney mit „The Jungle Book“ eine Neufassung eines Films aus dem eigenen Repertoire ins Kino. Nun ist schon die nächste dran. Aus Elliot, dem zeichengetricksten Schmunzelmonster, wurde Elliot, der computeranimierte Drache. Wie schon im Original von 1977 ist die Umgebung, in der sich der Titelheld bewegt, real. Allerdings wird diesmal nicht gesungen.

Dafür weht ein Hauch vom Dschungelbuch durch die Geschichte, die von der Urfassung in etlichen Punkten abweicht. Wie Mogli wächst auch Pete (Oakes Fegley) als Waise fernab von Menschen auf – in einem Wald im Nordwesten der USA und unter dem Schutz von Drache Elliot. Sechs Jahre nach dem Unfalltod seiner Eltern entdeckt Försterin Grace (Bryce Dallas Howard) den verwilderten Jungen und nimmt ihn in ihre Obhut. Leider bekommt auch der Bruder ihres Holzfäller-Freundes Jack (Wes Bentley) Elliot zu Gesicht. Der Junge schwebt in großer Gefahr: Gavin (Karl Urban) will den Drachen fangen und mit ihm Kasse machen.

David Lowery erzählt Petes Geschichte mit viel Herz und bis zum actionlastigen Finale angenehm bedächtig. Er lässt dem Jungen, der für heranwachsende Zuschauer eine prima Identifikationsfigur abgibt, Zeit, sich mit Jacks Tochter Natalie (Oona Laurence) anzufreunden und eine Beziehung zu seiner Ersatzmutter aufzubauen. Das Fantastisch-Magische geht gut mit dem Realen zusammen – sowohl atmosphärisch als auch tricktechnisch. Der flauschige Drache ist überzeugend in seine Umgebung eingebunden. Und nebenbei appelliert der Regisseur an einen rücksichtsvollen Umgang mit dem Wald und seinen Bewohnern – vermutlich war auch das ein Grund für den altgedienten Umweltschützer Robert Redford, als Holzschnitzer Meacham die Erzählerrolle zu übernehmen.

Wie schon beim Original, das vor drei Jahren überraschend zum Blockbuster geriet, geht hier Stil eindeutig über Inhalt. Big Data ist nur der Vorwand für eine Inszenierung, die fast so viel Dynamik hat wie Louis Leterriers Vorgänger. Auch haben die Schauspieler Spaß wie damals und klopfen wieder ganz zauberhafte Sprüche, wobei man sich an Caplans merkwürdig gefühllose Diktion erst mal gewöhnen muss. Alles läuft beschwingt, so dass man auch auf die stolzen 129 Minuten Filmlänge kaum bemerkt, wie schmal das Drehbuch wirklich geraten ist.

Zumal der FBI-Agent Dylan (Mark Ruffalo), der die „Horsemen“-Aufträge begleitet, diesmal mit einer magisch-tragischen Familiengeschichte beschwert wird: Sein Vater war ein Entfesselungsmeister, der es eines Tages nicht aus einem im Fluss versenkten Tresor geschafft hat. Der glatzköpfige Hypnotiseur Harrelson bekommt im neuen Film einen tuntigen Zwillingsbruder mit kräftigem Haarwuchs, der in Macao mit den Bösewichten (wieder im Spiel: Michael Caine und Morgan Freeman) gemeinsame Sache macht. Mehr Personal, mehr Ablenkung.

Wie die Horsemen den Chip dann mittels einer Spielkarte aus dem Macao Science Center stehlen, ist ein fein choreografierter Pas de quatre. Wobei die Karte mit dem Chip seltsamerweise immer bei dem landet, den die Sicherheitskräfte gerade durchsuchen, statt genau dann von diesem fortzufliegen. Überdies bliebe ein solch exzessives Wurfspiel bei aller Eleganz natürlich niemals unentdeckt.

Und überhaupt weiß man, dass Eisenbergs Atlas nur deshalb so schön wetterhexen kann, weil ihm die CGI-Abteilung den Regendreh im Rechner hintrickst. Zauberei hat aber nur Charme, wenn der verblüffte Betrachter der Illusion erliegt. Sie ist deshalb zuvörderst eine Kunst für die Bühne. Dass Kino einem mühelos alles vorgaukeln kann, wissen wir ja seit den Werken frühester Kinomagier wie Georges Méliès.

Alle haben sich lieb

Garry Marshalls letzte Romanze: „Mother’s Day“

Von Ernst Corinth

Der letzte Film des im Juli verstorbenen Garry Marshall läuft an. Wieder handelt es sich um eine romantische Komödie. Angesiedelt ist sie in Marshalls bevorzugtem sozialem Biotop: in der oberen weißen Mittelschicht. Schauplatz ist Atlanta.

Ausführlich wird eine bunte Ansammlung von Müttern vorgestellt: Die gestresste Sandy (Jennifer Aniston) führt nach der Scheidung einen Konkurrenzkampf mit der neuen, jüngeren Frau ihres Ex-Mannes um die Gunst ihrer Söhne. Die Schwestern Jesse (Kate Hudson) und Gabi (Sarah Chalke) haben ihren Eltern ihre Partner verschwiegen. Der Fernsehstar Miranda (Julia Roberts) hat aus Karrieregründen auf Mutterschaft verzichtet. Und dann ist da noch Bradley (Jason Sudeikis), der sich nach dem Tod seiner Frau allein um die Töchter kümmert.

Nach und nach kreuzen sich die Lebenswege der Protagonisten. Es gibt große emotionale Momente, von Marshall routiniert inszeniert. Kurzum: Am Ende haben sich alle irgendwie lieb. Freunde des Romantischen werden gerührt das Kino verlassen.

Mein Freund, der Baum

Roadmovie aus Spanien: „Der Olivenbaum“

Von Margret Köhler

Riesige Bagger reißen einen mehr als tausendjährigen Olivenbaum aus der Erde, ein alter Mann schaut dem Frevel erstarrt zu. Ein Bild zum Heulen. 30 000 Euro kriegen die Bauern für den Verkauf, nur der Großvater war dagegen. Seine Familie glaubt, so von den Boomjahren Spaniens zu profitieren. Der Baum soll das Schmiergeld für ein Restaurant am Strand einbringen. Dann läuft alles schief: Die Familie zerbricht, das Restaurant ist eine Ruine, der Großvater versinkt in Schweigen.

Um ihm neue Lebenskraft zu geben, begibt sich Enkelin Alma auf einen Roadtrip à la Don Quichotte. Die 20-Jährige reist nach Deutschland, um den Baum zurückzuholen. Sie weiß nicht, worauf sie sich einlässt: Das Prachtexemplar steht im Atrium eines Düsseldorfer Energiekonzerns, ist sogar Teil des Firmenlogos.

Die Geschichte eines ungleichen Kampfes erzählt Icíar Bollaín mal wehmütig, mal humorvoll im Stil des märchenhaften Realismus. Die mit Herzblut geschriebene Vorlage stammt von Paul Laverty, Ken Loachs Drehbuchautor. Seit Loachs aktuellem Cannes-Sieger „I, Daniel Blake“ wissen wir, dass Lavertys Glauben an ein Happy End erschüttert ist. Die Regisseurin nimmt Menschen in den Blick, die im Finanzcrash von 2007 alles verloren haben, auch ihre Träume. Für den Willen zum Neuanfang steht die junge Frau (brillan: Anna Castillo), die das Unmögliche wagt.

So nah der rettende Strand

Blake Lively gegen den Hai: „The Shallows“

Matthias Halbig

In den seichten Wassern einer mexikanischen Traumbucht sucht die junge Nancy (Blake Lively) Familiengeschichte. Hier schwamm einst ihre gerade verstorbene Mutter, als sie mit ihr schwanger war.

Für Trauerarbeit ist indes bald keine Zeit mehr. Nancy landet – nachdem das Drehbuch sie ausreichend skizziert hat – auf einem Felsen, der von einem gewaltigen Raubfisch umkreist wird, den wiederum ein Walkadaver ins Flachwasser gelockt hat. Der rettende Strand ist gerade mal 70 Meter weg und doch unerreichbar. Das Wasser steigt, der Fisch zeigt Präsenz, ein Kampf beginnt. Livelys Heldin verweigert die Opferrolle, spricht mit sich selbst und einer schadenfroh kreischenden Möwe, die das für sie ist, was der Volleyball Wilson in „Cast Away“ für Tom Hanks war. Frau versus Hai – dieser kleine Film hat Kraft. Regisseur Jaume Collet-Serra ist gut darin, Nancy anzutreiben. Und Lively ist besser denn je.

Natürlich ist das absurd. Und das Ende (Collet-Serra hatte es nie mit dem letzten Akt) nervt. Aber keiner der seichteren, leichteren Filme dieser Saison thrillte so gut. Ganz zu schweigen von den schweren, faden Blockbustern.

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