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Von einem der auszog, sich selbst zu finden

Junges Theater Göttingen Von einem der auszog, sich selbst zu finden

Peer Gynt ist ein Außenseiter, Querdenker und Träumer. Er will kein geringerer als der Kaiser der Welt sein und ist sich selbst nie genug. Das Ensemble des Clubs Göttingen bringt Henrik Ibsens komplexes Selbstfindungsdrama als fantastisch-satirisches Märchen auf die Bühne.

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Vier Peer Gynts und eine Mutter:  Björn Eichelberger, Sheila Hilpert, Gudrun Voss, Leon-Fabian Caspari, Jonas Berkenheide (von links).

Quelle: Schneider

Göttingen. „Wo ist der Kern?!“ Verzweifelt stellt Peer Gynt diese Frage, als er am Ende seiner langen Reise eine Zwiebel schält. Er sucht das „Innerste vom Innern“ und kann es doch nicht mehr finden. Sieben Häute schreibt der Volksmund der Zwiebel zu. In Agnes Gieses Inszenierung von Henrik Ibsens dramatischem Gedicht „Peer Gynt“ (1867), das im Jungen Theater (JT) Premiere hatte, sind es sogar acht.

Weitere Vorstellungen:

9. und 13. Mai sowie am 17. Juni um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Kartentelefon: 0551/495015.

Sechs Männer und zwei Frauen des Clubs Göttingen schlüpfen abwechselnd in die Rolle des Protagonisten und schicken diesen auf einen Selbstfindungstripp nach dem aktuellen populärphilosophischen Motto: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“

Peer Gynt (Björn Eichelberger, Leon-Fabian Caspari, Nils Johannson, Sheila Hilpert, Jonas Berkenheide, Christian Nguyen Manh, Inga Kahlcke und Dietmar Schmitz) ist ein Lügner und Taugenichts. Er lebt in einer Scheinwelt, packt vieles an und bringt doch nichts zu Ende. Mit seiner Unangepasstheit und Großmäuligkeit eckt er in seinem Heimatdorf an. Einzig seine Mutter Aase (Gudrun Voss) liebt ihn vorbehaltlos. Bei einer Hochzeitsfeier lernt er das Mädchen Solveig (Katharina Arand) kennen und ist von ihr bezaubert.

Doch seine Gefühle überfordern ihn und er ergreift die Flucht. Peer muss sich erst selbst erkennen, um anderen Menschen in seiner Umgebung, genügend Raum zu lassen. So sieht man ihm dabei zu, wie er in die weite Welt hinauszieht. Bei seinen Abenteuern verschwimmen oft Fantasie und Wirklichkeit.

Ob im Reich des Trollkönigs, als Waffenhändler in Marokko oder im Irrenhaus von Kairo: immer erfindet sich Peer neu und kämpft verzweifelt gegen seine eigenen Dämonen. Über allem schwebt wie ein Schatten seine Liebe zu Solveig. Schwach ausgeleuchtet, sitzt sie während des gesamten Stücks wie ein Geist am Bühnenrand und wartet geduldig auf seine Rückkehr. Als er endlich den Weg nach Hause findet, ist sie es, die ihm mit „ihrem Glauben, ihrer Hoffnung und ihrer Liebe“ den Weg zu sich selbst weist.

Das spärliche Bühnenbild, nur bestehend aus einem übergroßen Stuhl, bietet den Darstellern viel Raum für ihr Spiel. In immer wechselnden Rollen beweisen die 19 Schauspieler des Clubs Göttingen ihre Wandlungsfähigkeit. Neben den verschiedenen Gesichtern Peer Gynts überzeugen auch die Frauenrollen. Sie sind einfache Bauernmädchen, Trolle, verführerische Mätressen im Reich Anitras und Geisteskranke im Tollhaus von Kairo.

Agnes Giese hat Ibsens komplexes Drama, das auch als „Faust des Nordens“ gilt, auf 80 Minuten verdichtet. Trotzdem bleiben Anspruch und Botschaft des Stückes gewahrt. Die Darsteller haben allesamt Spaß am Spiel, was am Ende mit minutenlangem Applaus des Publikums honoriert wird. Alles in allem eine durchaus sehenswerte, kurzweilige Inszenierung und eine eindrucksvolle Leistung des gesamten Ensembles.

Von Sylvia Siersleben

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