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Von reiner Liebe und schwärzester Verzweiflung

„Otello“ an der Staatsoper Kassel Von reiner Liebe und schwärzester Verzweiflung

Langsam drehen sich drei riesige Turbinenräder, zwei an den Seitenwänden der dunkel gehaltenen Bühne, einer an der Decke. Dunkel sind die Wände, düster ist die Stimmung, in die die geniale Sturmmusik zu Beginn von Verdis „Otello“ wild hineinfährt.

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Packend inszeniert: die Oper um Otello (Ricardo Tamura, rechts) und Jago (Espen Fegran, Mitte).

Quelle: Klinger

Bühnenbildner Daniel Roskamp illustriert nicht etwa Säle in einem Schloss auf Zypern. Die Spielfläche ist ein Geviert mit erhöhten Seitenrampen, ein riesiger kahler Raum, der an eine Fabrikhalle erinnert. Bisweilen geben die runden Öffnungen, in denen sich die Räder drehen, den Blick frei auf Dinge, die sich draußen abspielen: lodernde Feuer, der Sternenhimmel und Wasserfluten, die mit Otellos wachsender Eifersucht immer höher steigen.

Regisseur Volker Schmalöer, bis zur vergangenen Spielzeit Oberspielleiter in Kassel, erzählt keine historische Geschichte aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Dass ein Großteil der handelnden Personen Soldaten sind, spielt bei ihm eine untergeordnete Rolle. Ja selbst auf die schwarze Hautfarbe des Titelhelden hat er verzichtet: Was er vorträgt, ist eine Studie über Bosheit, Verblendung, Schuld, reine Liebe und schwärzeste Verzweiflung, eine von Zeitumständen und Hautfarbe unabhängige Geschichte, die unaufhaltsam in die Katastrophe führt – angetrieben vom Motor des Bösen, der ähnlich zuverlässig funktioniert wie die Turbinenräder im Bühnenbild.
Das Konzept vermag zu überzeugen. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die dramatische Gewalt der Tragödie musikalisch ebenso packend entfaltet. Dirigent Marco Cumin fordert dem Orchester eine große dynamische Bandbreite ab, die von zart getupftem Pianissimo bis zu ausgesprochen kraftvollem, aber nirgends rohem Fortissimo reicht. Bis auf wenige Unschärfen musiziert das Staatsorchester sehr konzentriert und präzise, zeigte dramatische Leidenschaft und lyrische Zartheit.

Ricardo Tamura mag für die Titelpartie vielleicht eine etwas zu große Leibesfülle mitbringen. Doch stimmlich bietet dieser aus Brasilien stammende Tenor hervorragende Qualitäten, metallische Kraft und sanfte, zurückgenommene Töne gleichermaßen. Als Desdemona sorgt Sara Eterno für Gänsehaut-Erlebnisse: bruchlos reicht ihre Stimme bis in die höchsten Lagen, sie hat vokalen Schmelz und dramatische Strahlkraft, ist darstellerisch überzeugend vom treuen Liebesschwur bis zur verzweifelten Ergebung in ihr Schicksal. Ihr zartes Weidenlied und ihr „Ave Maria“ gehen tief zu Herzen.

Die abgrundtiefe Bosheit des Intriganten Jago versteckt Espen Fegran hinter einer bemerkenswert perfekt gespielten Fassade von Höflichkeit und Zuvorkommenheit. Dieser Kontrast lässt seine moralische Verkommenheit noch düsterer hervortreten. Dass er diesen Schurken mit seinem stimmstarken Bariton musikalisch in ein derart edles vokales Gewand kleidet, rundet den Eindruck. Jagos finalen Selbstmord spart Regisseur Schmalöer übrigens aus, was die Schlusswirkung interessanterweise eher noch verstärkt.
Auch die kleineren Partien sind bemerkenswert gut besetzt, von der sängerisch glänzenden, darstellerisch stets präsenten Maren Engelhardt als Emilia über Dong Won Kim als Cassio, János Ocsovai als Rodrigo, Krzysztof Borysiewicz als Montano bis zu Mario Kalein als Lodovico und Henning Leiner als Herold. Der von Marco Ziser Celesti einstudierte Chor ist fast immer präzise dabei, kleine Glanzlichter setzt der ganz in Weiß gekleidete Kinderchor Cantamus.

Das Premierenpublikum feierte diese packende Inszenierung mit eher verhaltenem Beifall, der sich aber vor allem beim Auftritt der weiblichen Solisten erheblich steigerte. Wer noch nicht Verdi-Fan war, könnte es nach diesem Erlebnis werden.

Weitere Vorstellungen: am heutigen Mittwoch sowie 5., 11., 16., 20. und 24. Februar, 1. und 5. März in der Staatsoper Kassel, Friedrichsplatz. Karten unter Telefon 05 61 / 10 94 222.

Von Michael Schäfer

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