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Vorpremiere des Jungen Theaters im Grenzdurchgangslager

„Schön, dass ihr da seid“ Vorpremiere des Jungen Theaters im Grenzdurchgangslager

Die Mensa des Grenzdurchgangslagers liegt mitten im unumzäunten Lager, am Sonnabend ist es hier voll. Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Nigeria und einzelne Spätaussiedler stehen mit zahlreichen anderen Besuchern der Vorpremiere von „Schön, dass ihr da seid“ am Einlass Schlange.

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Inmitten des Publikums liest Linda Elsner, seit dieser Spielzeit im Ensemble des Jungen Theaters.

Quelle: Heller

Friedland. Pinke und gelbe Zettelchen, zufällig verteilt, weisen den Besuchern ihren Platz zu: am Tisch oder in den Stuhlreihen.

Das dokumentarische Theaterprojekt erkundet den Ort und die Geschichte des Lagers seit seiner Gründung im September 1945 als Anlaufstelle für Flüchtlinge und Kriegsheimkehrer.  Es ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von Studierenden, den beiden Dozentinnen Regina Löneke und Ira Spiekerdes des Instituts für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Universität Göttingen gemeinsam mit Regisseur Kai Tuchmann, Intendant Nico Dietrich und dem Ensemble des Jungen Theaters Göttingen.

Die von wort- und stimmstarken Schauspielern gesprochenen Texte sind eine Assemblage aus Begegnungen und Zeitzeugnissen, aus Niederschriften und Anhörungsbogen, aus Interviews mit Dolmetscherinnen, Politikern, Anwohnern aus der Nachbarschaft und nicht zuletzt aus der Literatur. Es ergibt sich in der Überlagerung der  verschiedenen, nicht chronologisch vorgetragenen  Ausschnitte ein versatzstückhaftes Bild. Es nimmt nicht in Anspruch, eine konsistente Lagergeschichte zu rekonstruieren. Es wirft Schlaglichter auf einzelne Momente deutscher Geschichte, Politik und ihrer Diskurse, die einen Bogen über beinahe 70 Jahre spannen.

Dabei ist Wolfgang Borcherts unglücklicher Heimkehrer ebenso wie die Spende eines Karlsruher Pelzgeschäftes von 206 Pelzmänteln für frierende südvietnamesische Boat People 1978, die als vermeintliche Flüchtlinge des Kommunismus besonders gern gesehen und ohne Asylanhörungsverfahren – ebenso unbürokratisch wie Spätaussiedler – aufgenommen worden seien. Drei Bundespräsidenten werden zitiert, einige der vier Millionen Menschen, die das Lager passierten, kommen zu Wort.

Eine glückliche Koinzidenz

Das Grundgesetz legt keine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen mit politischem Asyl fest. Dennoch zeigt sich an diesem Abend sehr schön, besonders durch die Beiträge der Studenten Mathias Fiedler und Lee Hielscher, wie sehr  Friedland auch ein Nadelöhr für einige privilegierte Verfolgte und eine Unterwerfung unter die Zwänge der deutschen Asylpolitik ist denn nur das oft rühmlich genannte „Tor zur Freiheit“.

Die Hoffnung, aber auch die Ungewissheit, Sorge und die Zwangslage spiegeln sich in den Gesichtern der vielen Flüchtlinge, die an diesem Abend hier sitzen. Durch ihre Anwesenheit liegt der Fokus spürbar auf der Gegenwart des Grenzdurchgangslagers. Sie bleiben zwischen ein bis drei Monate, bevor sie einer niedersächsischen Gemeinde zugelost werden, wo – dann erst! – über ihr Bleiben oder Gehen-müssen entschieden wird.

Eine glückliche Koinzidenz ergibt sich über die zufällige, Gespräche ermöglichende Sitzverteilung im Saal: Während die Hälfte der Besucher an Tischen Platz findet, auf denen die Essenstabletts der Mensa mit Informationen und Dokumenten bereit stehen, hat die andere Hälfte der Besucher, in Stuhlreihen untergebracht, keinen Zugang zur sinnbildlichen geistigen und physischen Nahrung. Auch versteht man hier das Gesprochene viel schlechter. Anders als im richtigen Leben allerdings wird nach der Hälfte der Zeit getauscht, der Zugang zu den Ressourcen gleich verteilt. Am Ende dieses Abends sind alle reicher.

Von Tina Lüers

Das Stück „Schön, dass ihr da seid“ hat am Sonnabend, 1. November, um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 10, Premiere.

Weitere Vorstellungen im November: 4., 13. und 22. November, um 20 Uhr. Karten gibt es unter Telefon 05 51 / 49 50 15.

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