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Wacher Geist des Komponisten

Atos-Trio Wacher Geist des Komponisten

30 Jahre sind in der Musikgeschichte ein eher kleiner Zeitraum. Doch um die Wende zum 19. Jahrhundert entwickelte sich vor allem im Wiener Raum die Musik derart rasant, dass ein Kammermusikprogramm mit drei Werken aus den Jahren 1785, 1795 und 1811 bereits Dokumente hörbarer Veränderungen vorführen kann.

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Aus Berlin nach Göttingen gekommen: das Atos-Trio.

Quelle: Heller

Dazu hatte die Göttinger Kammermusikgesellschaft das in Berlin ansässige Atos-Trio eingeladen, das am Sonntag in der gut besuchten Aula der Universität zwei Klaviertrios von Joseph Haydn und Beethovens „Erzherzog“-Trio op. 97 präsentierte. Der Weg, den die Musiker dabei beschritten, reichte von geistreicher Rokoko-Zierlichkeit beim frühen Haydn bis hin zu atemberaubend gestenreicher Entfaltung individueller Persönlichkeiten beim reifen Beethoven.

Selbstverständlich begnügen sich drei Musiker – die Geigerin Annette von Hehn, der Cellist Stefan Heinemeyer und der Pianist Thomas Hoppe – im eröffnenden Haydn-Trio Es-Dur nicht allein mit dem Reiz des galanten Zierrats. Überall lassen sie den spritzig-wachen Geist des Komponisten hervorblitzen, der immer wieder die Hörerwartungen seines Publikums aufs Pfiffigste täuscht und mit unerwarteten Wendungen verblüfft.

Das musikalische Rüstzeug des Ensembles ist perfekt: Neben virtuoser Präzision bringen das Ensemble eine große Palette von Klangfarben ins Spiel. Beispielsweise kann der Pianist sowohl mit hell-transparentem, diskantbetontem Glitzer-Ton aufwarten als auch mit sanft im Bass grundierten, wunderbar weichen Klängen, aus denen er mit fein differenziertem Anschlag auch im Pianissimo noch Nebenstimmen herausleuchten lässt. Die Streicher halten sich bisweilen bedeckt, aber dennoch präsent im Hintergrund, um dann wieder selbstbewusst die musikalische Führung zu übernehmen: all dies in genau durchdachter musikalischer Dramaturgie. Damit brachten sie die prächtige klangliche Vielfalt in Haydns C-Dur-Trio zum Strahlen, legten im Final-Presto ein schier aberwitziges Tempo vor, in dem die Strukturen stets deutlich blieben, auch wenn man als Hörer schon einige Mühe hatte, dem Verlauf zu folgen.

Sind bei den Haydn-Trios die Streichinstrumente noch hier und da dem Klavier traditionsgemäß untergeordnet, gibt ihnen Beethoven in seinem „Erzherzog-Trio“ eine bis dato ungekannte Freiheit. Die führt freilich nirgends zur Zügellosigkeit, sondern bleibt immer dem gemeinsamen Ziel verpflichtet. Das führte das Atos-Trio mit ganz selbstverständlich erscheinender Perfektion vor, mit verblüffend sprachähnlicher Gestik und ausgefeilter Klangregie. Selten kann man derart kultivierte Pizzicato-Passagen der Streicher erleben, so aufgelichtete Akkordstrukturen und so sanft singende Kantilenen im Klavier, um nur einige Beispiele zu nennen.

Der Beifall rauschte dementsprechend lautstark. Als Zugabe spielte das Atos-Trio das Allegretto aus Beethovens Trio op. 70 Nr. 2. Einfach hinreißend.

Von Michael Schäfer

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