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Weder Mann noch Frau

Lesung von Clara Morgen Weder Mann noch Frau

Als „eigenständiges Wesen“, als „Gesamtkunstwerk“ empfindet Clara Morgen ihr Kind. Es gehört zu den 30.000, vielleicht sogar 80.000 Menschen in Deutschland, die weder Männer noch Frauen sind. Morgen, ein Pseudonym, hat ein Buch über ihre Erfahrungen als Mutter eines solchen Intersexuellen geschrieben.

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Clara Morgen

Quelle: Pförtner

30 Zuhörer sitzen auf Kissen im Bellevue des Deutschen Theaters. Morgen, ganz in schwarz gekleidet, ist Gast der Les-Bi-Schwulen Kulturtage. Ruhig und konzentriert liest sie aus ihrem Buch, dessen Druck die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gefördert hat. Doch an manchen Stellen bricht ihr die Stimme.

Morgen hat ihr Kind, das von seinen Chromosomen her ein Junge ist, auf Drängen der Ärzte mit zwei Jahren operieren lassen. Der Chirurg entfernte die rudimentären Hoden und formte eine Scheide. Morgen versuchte, ihr Kind als Mädchen zu erziehen, obwohl es sich wie ein Junge benahm.

„Warum habt ihr mich kastrieren lassen?“, fragte das Kind später die Eltern. Mit dieser Frage ringt die Mutter bis heute. Die Ärzte hatten mit der Drohung eines erhöhten Krebsrisikos Druck gemacht. Die Mutter selbst wollte „klare Verhältnisse“ schaffen, weil sie eine Ausgrenzung ihres Kindes fürchtete. Der Vater, ein Katholik, stimmte seinerzeit nur widerwillig der Operation zu. Er tat sich schwer damit, „Gott zu spielen“, so die Autorin. Das Paar lebt mittlerweile getrennt.

Heute lehnt Morgen jede OP ohne Zustimmung der Betroffenen entschieden ab. Eine „radikale Kämpferin“ für die Sache der Intersexuellen sei sie geworden, erklärt die Frau. In Deutschland, wie auch in anderen Ländern der Europäischen Union, habe sich in den vergangenen zehn Jahren vieles zum Besseren gewendet. Zum Beispiel verlange das Standesamt heute nicht mehr sofort eine klare Aussage zum Geschlecht.

„Die meisten Ärzte in der Bundesrepublik wollen nicht mehr sofort operieren“, meint die Autorin. Den Medizinern seien die irreversiblen Folgen ihres Tuns bewusst. „Mein Kind muss heute Testosteron nehmen, weil der Körper es nicht mehr selbst produziert“, berichtet Morgen. Die Intersexuellen seien zudem inzwischen gut organisiert. Filme und Romane griffen das Thema auf.

Das Publikum fragt nach des sexuellen Orientierung der Zwitter. Ihr Kind, so Morgen, wirke heute sehr männlich und fühle sich mehr zu Frauen hingezogen. Es wolle darüber aber nicht mit seiner Mutter sprechen. Viele Intersexuelle, die dem Zeitgeist entsprechend operiert worden seien, lebten in keiner Partnerschaft. Sie würden aber viel miteinander unternehmen und sich gegenseitig unterstützen. Die Generation der nicht operierten Intersexuellen komme gerade in die Pubertät. Morgens Kind ist heute 31 Jahre alt und arbeitet als Ökolandwirt.

Von Michael Caspar

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