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Wehe, wenn sie losgelassen

Dieter Wedel inszeniert „Hexenjagd" Wehe, wenn sie losgelassen

Ramponiert stehen Christian Nickel und Elisabeth Lanz nach zweieinhalb bewegenden Stunden am Bühnenrand. Als John und Elisabeth Proctor haben sie in dem Arthur-Miller-Stück „Hexenjagd“ um ihr Leben gekämpft, einer von beiden ohne Erfolg. Intendant Dieter Wedel hat den Klassiker zum Auftakt des Festivals in der Stiftsruine inszeniert.

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In den Mühlen der Justiz: John und Elisabeth Proctor (Christian Nickel und Elisabeth Lanz).

Quelle: Lefebrve

Bad Hersfeld. Eine Kirchenfassade hat Bühnenbildner Jens Kilian in die imposante Ruine des ehemaligen Stifts gestellt, eine Kirche in einer Kirche. Später wird dann noch der Innenraum eines Gotteshauses auf die Bühne gerollt. Die Kirche spielt in dem Städtchen Salem offensichtlich eine übergroße Rolle. Hier sind die Menschen freundlich zueinander, verlässlich und gottesfürchtig. Eine funktionierende Gemeinschaft, die durch eine Kleinigkeit komplett aus den Fugen gerät. Weil einige Mädchen behaupten, Hexen und den Teufel im Ort gesehen zu haben, geraten Menschen in die Mühlen einer Justiz, die sich auf Gott beruft und doch mit dem Teufel im Bunde steht.

Miller hat das Stück Anfang der 50er-Jahre als Reaktion auf die Kommunistenhatz in den USA geschrieben. Wedel meint, Parallelen im Internet zu entdecken, wo Menschen anonym pöbeln können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Andere sehen Vergleichbarkeiten zur Polizeiwillkür in den USA oder in Russland. Und irgendwann marschiert auch ein Mob auf, der fatal an Pegida-Demonstrationen erinnert. So kommt der Stoff den Menschen mehr als 60 Jahre nach seiner Entstehung wieder näher.

Weitere Vorstellungen:

Bis zum 28. Juli in der Stiftsruine in Bad Hersfeld. Kartentelefon: 06621/640200.

Wedel hat ein Ensemble versammelt, das mit allerlei prominenten Namen wirbt. Neben der Serien-Darstellerin Lanz und dem Theaterschauspieler Nickel steht Richy Müller als Reverend John Hale auf der Bühne. André Hennicke ist ein strenger Richter, Hans Diehl der auf Ausgleich bemühte Kollege. Rudolf Krause spielt den skrupellosen Thomas Putnam, der andere die Drecksarbeit erledigen lässt. Horst Janson stellt den aufrechten Alten Giles Corey dar, und TV-Casting-Jurorin Motsi Mabuse gibt ihr Debüt als Schauspielerin.

Niemand ragt wirklich heraus aus diesem Ensemble, aber das hat Methode. Das Miller-Stück und Wedels Neubearbeitung sehen zahlreiche starke Rollen vor, entscheidend ist aber das Team. Und das hat Wedel mit ganz sicherer Hand sehr konzentriert angeleitet. Hier stimmt das Timing, die Bilder funktionieren ebenso wie die Figuren-Tableaus. Die vielen starken Charaktere ergeben ein grandioses Ganzes, das abgerundet wird mit atmosphärisch passgenauer, bisweilen fasst suggestiver Musik von Jörg Gollasch.

Erstmals in Bad Hersfeld hat Wedel diesmal die bei den Wormser Festspielen bereits erprobten Videoeinspieler eingesetzt. Hier taucht Jasmin Tabatabai auf als Obdachlose und gleichzeitig Erzählerin. Selbst dieses eigenwillige Abschweifen ins TV-Format funktioniert erstaunlich gut. Nach zweieinhalb bewegenden, sehr konzentrierten und kompakten zweieinhalb Stunden applaudierte das Premierenpublikum im Stehen.

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