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Weinen über den Schmerz der anderen

Literaturherbst Weinen über den Schmerz der anderen

In einem Alter, in dem andere Kinder ganz versessen darauf sind zu sprechen, kann er stundenlang zuhören. Er ist vier Jahre alt, oder wenigstens hat man ihm das gesagt“, liest Wojo van Brouwer vom Deutschen Theater (DT) eindrucksvoll nuanciert die ersten Zeilen von Alan Pauls’ Roman „Geschichte der Tränen“, den der Autor im Rahmen des Literaturherbstes im DT-Studio vorgestellt hat.

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Nachdenklich: der argentinische Autor Alan Pauls während seiner Lesung im Studio des Deutschen Theaters.

Quelle: Theodoro da Silva

Die Novelle handelt von einem Jungen zur Zeit der Militärdiktaturen im Argentinien der 70er Jahre. Anhand seiner Gefühlswelt und den Emotionen und Geheimnissen, die ihm die Personen in seiner Umgebung, aufgrund seiner Begabung zuzuhören, immer wieder offenbaren, erzählt Pauls von der Zeit der Repression. Diese führt zum Rückzug ins Private. Für viele Menschen, vor allem politische Aktivisten, bleibe außerdem nur die Möglichkeit eines Doppellebens, erklärt Pauls. So auch für seine Romanfiguren – wie dem Vater oder dem Nachbarn, dem vermeintlichen Militär. Der kleine Held wird von den vielen Geständnissen geprägt.

„Er schenkt dem Glück keinen Glauben, wie übrigens keinem Gefühl, das bewirkt, dass der, den es beseelt, nichts braucht. Aus irgendeinem Grund fühlt er sich dem Schmerz nahe oder hat von klein auf die Verbindung gespürt, die zwischen der Nähe, welcher auch immer, und dem Schmerz besteht“, heißt es an späterer Stelle im Roman über den Protagonisten. In frühen Jahren weint er viel, auch wenn es dabei nicht um seinen eigenen Schmerz, sondern um den der anderen geht. Aber als er, der jeden Monat gebannt auf die Ausgabe der Untergrundzeitschrift „La causa peronista“ wartet und auch sonst politisch sehr interessiert ist, in späteren Jahren den Putsch und Tod von Salvador Allende im Fernsehen sieht, verliert er keine einzige Träne.

Die Erzählung folgt keiner linearen Handlung, sondern springt zwischen den Jahren – mal ist der Junge vier, mal 13, mal sieben Jahre alt. Die langen Schachtelsätze, die gewöhnungsbedürftig sind, geben dem Roman Atemlosigkeit. Pauls versteht sie selbst als „Ökosysteme, in denen die Leser ihre unterschiedlichen Erfahrungen machen können“.
Der Autor aus Buenos Aires mit dem grauen, leicht zerzausten Haar, unrasiert, mit T-Shirt und Kapuzenpullover bekleidet, macht einen sehr nachdenklichen und intellektuellen Eindruck. Mit ruhiger Stimme, aber zügig, liest er die Textpassagen auf Spanisch, um anschließend mit der Moderatorin Annette Paatz von der Göttinger Universität über seinen Roman zu sprechen.

Pauls ist Jahrgang 1959 und arbeitet mit „Geschichte der Tränen“ auch Teile seiner eigenen Erlebnisse während dieser politisch bedeutenden Zeit Anfang der 70er Jahre auf. Diese „Epoche des revolutionären Traums“, ist „vielleicht die letzte Zeit, in der Politik in Argentinien wirklich Leidenschaft bedeutet“, erklärt Pauls.
Er studierte Literaturwissenschaften, lehrte Literaturgeschichte und ist Redakteur bei einer Tageszeitung. Seinen internationalen Durchbruch brachte ihm der Roman „El pasado“ („Die Vergangenheit“).

Mit „Geschichte der Tränen“ legt er den ersten Teil einer Trilogie über die für ihn so bedeutende politische Zeit vor – Tränen, Haar und Geld stehen dabei für Intimität, Frivolität und Ökonomie und werden in den Zusammenhang mit Politik gebracht. Der zweite Teil ist bereits in Spanisch erschienen, auf die Übersetzung kann man gespannt sein.

Alan Pauls: „Geschichte der Tränen“, Klett-Cotta, 142 Seiten, 17,95 Euro.

Von Noreen Hirschfeld

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