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Wenn Barockgeigen orientalisch trillern

26. Niedersächsischen Musiktage in Duderstadt Wenn Barockgeigen orientalisch trillern

Die Anweisungen für die Fotografen sind eindeutig: Der Rabbiner darf weder mit einem Kreuz noch mit einer Jesus-Figur abgelichtet werden. Dazu muss das Konzert nach Sonnenuntergang beginnen – erst nach Ende des Sabbats, weil ein Jude bekanntlich am Sabbat nicht arbeiten soll.

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„Israel in Egypt“: Europäische und orientalische Musiker gemeinsam in der St.-Cyriakus-Kirche Duderstadt.

Quelle: Krückeberg

Duderstadt. Dennoch klappt es mit der Ökumene der Religionen Abrahams beim Eröffnungskonzert der 26. Niedersächsischen Musiktage in der St.-Cyriakus-Kirche in Duderstadt.

„Israel in Egypt – Aus der Sklaverei in die Freiheit“ heißt das interreligiöse Projekt, das Dirigent Werner Ehrhardt gemeinsam mit dem israelisch-irakischen Musiker Yair Dalal entwickelt hat. Das passt hervorragend zum Motto „Freiheit“ der Musiktage, mit denen die neue Intendantin Katrin Zagrosek ihren Einstand gegeben hat. Bis 30. September sind 65 Veranstaltungen in ganz Niedersachsen angesetzt.

Premiere hatte „Israel in Egypt“ 2011 bei den Händel-Festspielen in Halle. Gleich im Anschluss gab es eine zweite Aufführung beim Israel Festival in Jerusalem, im Mai dieses Jahres ein Gastspiel in Dortmund.

Ehrhardt und Dalal haben nur die Chorsätze aus Händels Oratorium „Irael in Egypt“ genutzt. Anstelle der Rezitative, Arien und Duette Händels ist traditionelle jüdische Musik mit themagerechten Texten aus der Thora eingeflochten, dazu arabische Sufimusik mit kommentierenden Texten aus dem Koran. Beteiligt sind der Tölzer Knabenchor, das Barockorchester L’arte del mondo sowie das von Dalal geleitete Ensemble Al Ol, das irakische und jüdisch-arabische Musiktraditionen pflegt.

Kann ein derartiges Cross­over überhaupt funktionieren? Überraschenderweise ja, wenigstens auf weite Strecken. Das hat seinen Grund unter anderem darin, dass Ehrhardt die europäischen und orientalischen Musiker vielfach gemeinsam agieren lässt: Ein gehaltener Basston zu den jüdischen Rabbiner-Gesängen stammt von den europäischen Celli, die Barockgeigen spielen trillerverzierte orientalische Melodielinien zart mit, und Yair Dalal – gleichermaßen ein brillanter Geiger wie ein einfühlsamer Lautenist auf der arabischen Oud – mischt sich hier und da auch bei Händel-Sätzen mit ein.

Da bekommt die Geschichte des Auszugs des israelitischen Volkes aus Ägypten neue Facetten, nicht zuletzt deshalb, weil der Musikstil von Yair Dalas virtuosem Ensemble Al Ol immer wieder einen meditativen Einschlag hat, belebt durch mitreißende tänzerische Passagen. Interessanterweise wirken Händels massive Chorsätze im filigranen Umfeld der Laute oder der wunderbaren Soloklarinette von Eyal Yizhak Sela manchmal etwas derb-robust.

Beneidenswert strahlend-kräftiges Stimmmaterial bringt der stets  intonationssichere, von Ralf Ludewig gründlich einstudierte Tölzer Knabenchor für den Chorpart mit und kann auch mit bemerkenswerten solistischen Leistungen aufwarten. Das Barockorchester L’arte del mondo spielt angemessen durchsichtig, mit schöner Leichtigkeit, gern auch dramatisch aufgeladen, wenn auch nicht immer ganz präzise.

Ein bisschen populistisch ist Ehrhardts Idee, kurz vor Schluss das „Halleluja“ aus Händels Messias in Kurzfassung einzubauen – es wirkte nach den intensiv zarten Hallelujas, die die israelische Sängerin Lubna Salame zuvor gesungen hatte, wie ein Fremdkörper. Auch ohne diesen wohlfeilen Barock-Hit wäre das Publikum gewiss genau so begeistert gewesen. Es gab Standing Ovations.

Katrin Zagrosek kann mit dem Erfolg sehr zufrieden sein. Dass sie den Festival-Auftakt mit fünf Veranstaltungen an diesem Wochenende in Duderstadt angesiedelt hat, kommt nicht von ungefähr: Hart an der Grenze zur DDR gelegen, hat diese Stadt mit dem Thema Freiheit vor und nach 1989 sehr nachhaltige Erfahrungen gesammelt. Der große Zuspruch des Publikums beweist, dass die Idee der Intendantin aufgegangen ist.

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Von Michael Schäfer

Von Michael Schäfer

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