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Wenn „Staaten sich nicht psychoanalysieren lassen“

Weitershausen und König lesen Wenn „Staaten sich nicht psychoanalysieren lassen“

Lou Andreas-Salomé, die lange Zeit in Göttingen gelebt hat, wäre am Sonnabend 150. Jahre alt geworden. Die faszinierende Literatin stand mit einer großen Zahl von Gelehrten und Denkern ihrer Zeit in regem Austausch.

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Liest aus dem Briefwechsel: Schauspieler Michael König im Deutschen Theater.

Quelle: Heller

Einer von ihnen war der Mediziner Sigmund Freud. Mit ihm verband sie über rund 20 Jahre ein lebendiger Briefwechsel. Aus diesen Schreiben haben am Sonntag unter dem Titel „Meine liebe Lou“ die Schauspieler Gila von Weitershausen und Michael König im Deutschen Theater (DT) Göttingen gelesen.

Stéphane Michaud, Professor für vergleichende Literaturwissenschaften in Paris, führte zunächst kurz in die biographischen Hintergründe des Briefwechsels ein. Andreas-Salomé war zu Freud gekommen, um Psychoanalyse zu lernen. Was sich aus diesem Kontakt entwickelte, ist der aufregende und noch heute berührende Austausch zweier Menschen von unterschiedlichen Standorten aus, Lou meist aus Göttingen, Freud aus Wien, und vor verschiedenen Hintergründen – der Literatur und der Wissenschaft.

Gemeinsam erleben Andreas-Salomé und Freud genauso die Weiterentwicklung ihrer Wissenschaft wie den Alltag um sie herum. Fragestellungen der Psychoanalyse wechseln mit Auskünften zum Wohlergehen der im ersten Weltkrieg kämpfenden Freud-Söhne oder Lous Berichten zum Wechsel der Jahreszeiten.

Neben den persönlichen Briefen tauschen beide auch wissenschaftliche Schriften aus, die wiederum in den Briefen Erwähnung finden. Sie kämpften mit ihren damals mutigen Thesen und Aussagen wie „Das kommt davon, dass Staaten sich nicht psychoanalysieren lassen“ gegen von der Zensur abgefangene Schreiben.

Ein Aspekt ist es aber, der in den Briefen besonders berührt: Hier werden zwei Menschen – wenn auch mit der räumlichen Distanz – gemeinsam alt. Und sie reflektieren diese Entwicklung mit Klugheit und Witz. Während Freud, von König sympathisch personifiziert, deutlich die Züge eines Grantlers annimmt, besticht Andreas-Salomé über die Jahre durch Lebensfreude und poetischen Optimismus, den wohl nicht nur Freud zu schätzen wusste. Ihr Resümee zu ihrer Beziehung zu Freud: „Das Vatergesicht über meinem Leben.“

Von Isabel Trzeciok

Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé …

… wurde 1861 als Louise von Salomé in St. Petersburg/Russland geboren. Sie hatte zahlreiche freundschaftliche Beziehungen zu Geistesgrößen ihrer Zeit, darunter Friedrich Nietzsche, der ihr einen Heiratsantrag machte, Rainer Maria Rilke, dessen Geliebte sie viele Jahre war, und Sigmund Freud, bei dem sie die Psychoanalyse lernte. Im August 1886 lernte sie in Berlin den Orientalisten Carl Andreas kennen. Auch der 15 Jahre ältere Wissenschaftler wollte Louise heiraten. Im Jahr darauf willigte sie ein, bestand aber auf einer platonischen Verbindung. 1903 kam sie mit Andreas nach Göttingen, wohin er auf einen Lehrstuhl berufen worden war. 1915 eröffnete sie die erste psychoanalytische Praxis in der Stadt. Andreas-Salomé starb 1937 in Göttingen. pek

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