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Wenn aus simplem Schweigen Kunst wird

Konzert zum 100. Geburtstag von John Cage Wenn aus simplem Schweigen Kunst wird

Wer nichtsahnend mit der Musik des Musik-Avantgardisten John Cage konfrontiert wird, wird vermutlich den Kopf schütteln, und verdenken kann man es dem ahnungslosen Zuhörer nicht. Denn was sieht und hört der (nennen wir ihn) normale Durchschnittsmusikhörer?

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„Burdocks“ von Christian Wolff: mit Chie Nagai, Gesang (links) und Joshua Weitzel.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Einen Pianisten, der schweigend vor einem verschlossenen Flügel sitzt, junge Menschen, deren Instrumente nur Dekoration zu sein scheinen, die Brötchentüten zerknüllen und laut tönend durch die Reihen laufen, während die Stoppuhr auf einer Leinwand die Sekunden zählt. Da ist sie schon, die altbekannte Frage: Was ist Kunst?

Es braucht Hintergrundwissen, unbedingten Einlassungswillen, Neugier und Offenheit, wenn man die Kompositionen des Jubilars Cage, der am 5. September seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, genießen möchte. All dies kann man dem überschaubaren Publikum in der Aula am Wilhelmsplatz leicht unterstellen, denn das Konzert fand im Rahmen des 15. Internationalen Kongresses der Gesellschaft für Musikforschung statt, und somit speiste sich das Publikum überwiegend aus fachlich versierten Zuhörern. Zuhörern, die wissen, dass Absichtslosigkeit und Zufall die bedeutendsten Prinzipien in Cages Kompositionen waren.

Für John Cage war alles Kunst und jeder ein Künstler. Am eindrücklichsten ist diese Ansicht wohl in seinem legendären Werk 4’33 ausgedrückt. Ein Stück, in dem 4 Minuten und 33 Sekunden geschwiegen wird oder der Pianist das tut, wonach ihm gerade ist: Und das ist dann die Kunst.

Eigentlich sollte anlässlich des Cage-Geburtstags der legendären Uraufführung von 1952 in der Maverick Concert Hall gedacht werden, aber aus „finanzieller und logistischer Not“ sei es – laut Veranstalter – zu einer Programmänderung gekommen. Zu erleben war so der Musiker, Komponist und Wegbegleiter Cages Christian Wolff: mit Cages „Music for Piano 4-19“ (1953) sowie zusammen mit Studierenden und Angehörigen des Musikwissenschaftlichen Seminars mit Auszügen seiner eigenen Komposition „Burdocks“ (1970-71). Mit sichtlicher Freude am experimentellen Geist dieser Komposition, die sowohl von Amateuren als auch von Profis dargeboten werden kann, werden Joghurtbecher und Plastikflaschen sowie der eigene Körper als Klangkörper genutzt. Wer mit dem genannten Einlassungswillen gesegnet ist, der schärft hier seine Sinne, seine Hör­fähigkeit – ganz im Sinne von Cage.

Glanzstück des Abends ist „Barbarorum: A Göttingen Circus on Die Harzreise (1979/ 2012)“, eine Collage aus Gesang (großartig: Stefan Langer), Klang, Schweigen und Tonbändern rund um das Thema Göttingen. Diese Darbietung basierte zum Teil auf Heines Harzreise, in der der Dichter sein nicht unbedingt schwärmerisches Verhältnis zur Universitätsstadt beschreibt und auf Cages Verbal-Partitur „A circus on“ (1979), mit deren Hilfe jedes Buch in eine Darbietung ohne Schauspieler transformiert werden kann. Der Beweis wurde hier überzeugend geliefert.

Von Marie Varela

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