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„Wenn ich mal der Herrgott wär“

14. Innenhof-Theater-Festival „Wenn ich mal der Herrgott wär“

Es geht auf 22 Uhr beim Innenhof-Theater-Festival: „Sturzflüge im Zuschauerraum“ steht an, ein Karl-Valentin-Programm mit dem österreichischen Schauspieler Wolfram Berger. Christoph Huber kündigt der langen Zuschauerschlange „einen Leckerbissen aus Wien“ an und wird Recht behalten.

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Lässt den Sprachanarchisten Karl Valentin auferstehen: Wolfram Berger.

Quelle: Pförtner

Berger gibt den bayrischen Komiker und „Wortzerklauberer“ von seiner philosophischen Seite, zumindest wenn man Frohsinn, Unsinn, Tief-, Hinter- und teils Irrsinn als Philosophie begreift. Zwischen zerlesenen Manuskripten und Requisiten, wie dem „Stein auf dem Mariechen saß“ und „Hosenknöpfen von David und Goliath“, die Berger beiläufig aus einer Plastiktüte kramt, lässt er den 1948 verstorbenen Sprach-Anarchisten auferstehen. „Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben, aber trotzdem den Mund halten“, zitiert er Valentin und hat selbst eine Menge zu sagen. Angereichert mit biographischen Details aus des Komikers Leben („er war ein scheuer, ängstlicher Mensch und großer Hypochonder“) gibt er mehr und weniger bekannte Sketche und Lieder („mit Gesang“) zum Besten.

Herrlich, die scheinbar wirren, aber hoch-logischen Textgebilde. Das Publikum quietscht vor Vergnügen, als Berger den Brief aus Bad Aibling an die Ehefrau verliest. Die bohrende Frage wie hell 150 Kerzen und 50 Spiegel seien, bleibt schlussendlich unbeantwortet. „Hinter den Spiegel müsste man schauen können“, lässt der Bergersche Valentin wissen. Die (natürlich) unvollendete Ballade „Die Uhr von Loewe“ am Klavier, gerät zum kabarettistischen Glanzstück, ein fesselndes Meisterwerk der Abschweifung. Aus Valentins späten und erfolglosen Jahren stammt „Wenn ich einmal der Herrgott wär’“, ein bitterböses Lied, eine Abrechnung mit den Menschen. Die gewünschte Strafe für ihr selbstsüchtiges Verhalten: Sintflut oder Eiszeit.

Das Publikum erklatscht sich „Den Weltuntergang“ als Zugabe. Kaum vermag der Besucher den dadaistischen Wortkaskaden zu folgen („…links und rechts stehen je vier goldene Jungfrauen mit Semmelbrösel bepappt und halten ein vernickeltes Butterbrot in der Hand. Die Luft zitterte wie Schweinssulz, die Erde wühlte sich auf, die Vesuve speiten Honig und Sauerkraut…“) und am Ende des Vortrags trat dann tatsächlich „plötzlich der Schluss ein“. Großer Applaus für einen großartigen Abend, nur Kunst war es nicht, wie schon Valentin feststellte: „Wennst as kannst, is koa Kunst und wennst as net kannst is‘s erscht recht koa Kunst.“ Berger aber kann’s.

Von Christoph Mischke

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