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Wie Orpheus seine Eurydike befreit

Opernhaus in Kassel Wie Orpheus seine Eurydike befreit

Der Orpheus-Mythos ist eine der ältesten Geschichten der abendländischen Kultur, die durch die Jahrtausende immer wieder neue Generationen von Künstlern inspiriert hat. 1978 schuf Hans Werner Henze das Ballett „Orpheus“, zu dem Edward Bond das Libretto verfasst hat. Mit dem selten aufgeführten Werk hat das Staatstheater Kassel seine Saison im Opernhaus eröffnet.

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Ästhetische Bildsprache: das Tanzensemble des Staatstheaters Kassel.

Quelle: Ketz

Kassel. Bond und Henze deuten die Sage um: Nach dem Gang in die Unterwelt verliert Orpheus nicht endgültig seine geliebte Eurydike, weil er sich umsieht, sondern überwindet die Abhängigkeit vom Gott Apoll, zertrümmert die göttliche Leier und erfindet eine neue Musik. Nun hat er selbst die Macht, die Toten aus der Unterwelt zu befreien, und vereint sich im Tanz mit Eurydike. „Es geht in dem ganzen Werk um die Abschaffung des Leids, des Aberglaubens, um die Verwirklichung des Menschen auf dieser Erde“, hat Henze über sein Ballett geschrieben. Ein hoher Anspruch – vor allem dann, wenn als Ausdrucksmittel nur Tanz und Musik dienen, die Sprache also ausgespart ist.

Doch die Botschaft – eine sehr optimistische, fast naive, doch ausgesprochen sympathische – kommt an. Das liegt zum einen an der farbenreichen Klarheit der Musik Henzes, deren Instrumentation die Zuordnung der handelnden Personen immer eindeutig macht. Zum anderen hat Kassels Tanzdirektor Johannes Wieland in seiner Choreographie eine sehr deutliche, zugleich ungemein ästhetische Bildersprache entwickelt. Er führt sein 15-köpfiges Tanzensemble spannungsreich von gefühlsintensiven Zweierpaaren bis hin zu wild bewegten Gruppenszenen. Rémi Benard zeigt die Emanzipation des Titelhelden in einer sehr eindrucksvollen Entwicklung vom verspielten Untertan über den allmählichen Gewinn von Freiheit bis zum klaren Bewusstsein eigener Kraft. Die Intensität ihrer Gefühle macht Wencke Kriemer de Matos als Eurydike bewegend sinnfällig. Den Apoll tanzt Evangelos Poulinas in einer pfiffigen Mischung aus Machtgefühl und Schlagerstar-Eitelkeit, zu der sein Glitzerkostüm perfekt passt.

Für dieses knapp zweistündige Ballett hat Steph Burger eine weiträumige Bühnenlandschaft mit einer zerbrochenen Kolossalstatue entworfen. Die Unterwelt ist im hinteren Teil der Bühne platziert: ein Ort des Leidens mit einem Marter-Felsen und einer Wasserschicht am Boden, die die Tänzer zu wahren Gischt-Orgien nutzen. Henzes gestaltenreiche Musik – in der sparsamer instrumentierten Wiener Fassung von 1986 – ist bei Patrik Ringborg in besten Händen. Der Dirigent zeichnet die kraftvolle Musik konturenreich nach und lässt betörende Farben leuchten. Sein Orchester ist bestens aufgelegt.

Termine: 30. September (18 Uhr), 3., 6., 20. und 30. Oktober (19.30 Uhr). Kartentelefon: 05 61 / 10 94 222.

Von Michael Schäfer

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