Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Wilhelm Genazino im Alten Rathaus Göttingen

Lesung Wilhelm Genazino im Alten Rathaus Göttingen

Der Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino hat am Donnerstag in einer vom Literarischen Zentrum Göttingen organisierten Lesung seinen neuen Roman „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ vorgestellt. Anschließend diskutierte er mit dem Literaturwissenschaftler Christoph Jürgensen. 

Voriger Artikel
Orient und Okzident
Nächster Artikel
Weit verzweigte Familienbande

Schwieriges mit Humor: Autor Wilhelm Genazino (links) und Literaturwissenschaftler Christoph Jürgensen.

Quelle: Pförtner

Den Autor stellte Christoph Jürgens kurz vor: Genazino habe sich „der Psychopathologie des Alltags“ verschrieben, der „Krise des Ichs nach Verlust aller transzendentalen Gewissheit“. Das klingt schwierig und schwermütig und ist durchaus zutreffend. Doch kaum beginnt Wilhelm Genazino zu lesen, zeigen sich weitere Facetten: Zugänglichkeit und leichter Humor im schweren Stoff.

Genazinos Protagonist Warlich ist studierter Philosoph, hat über Heidegger promoviert und Karriere in einer Wäscherei gemacht. Im Grunde zufrieden, lässt er sich von einem Misserfolg beeindrucken und treibt durch einen traurigen Alltag, sieht Flaschensammler, Jungfaschisten, Untergeher. „Als Philosoph kann man nicht aufhören, eine Optik auf die Welt anzuwenden von der man weiß, dass sie nicht geeignet ist“ sagt Genazino später, und genau so ist sein Warlich: Er verliert sich in einem Strudel von Gedanken, Fantasien und Gefühlen, er nimmt den öden Alltag auf eine Weise wahr, die vertraut und gerade dadurch deprimierend wirkt. 

Peinlichkeitsferne

„Kafkaesk“, ein Stichwort in Jürgensens Einführung: Es passt, doch auf eine sehr heutige Weise. Denn Genazino nutzt Humor als „Distanzmittel zu dem, was bedrückt“. Das ist komisch; so komisch, dass der Lesende im Alten Rathaus immer wieder von Gelächter unterbrochen wird, etwa wenn er bewusst naiv eine Demo des Schwarzen Blocks beschreibt oder von der „Peinlichkeitsferne der Tiere“ spricht.

Findet Warlich eine Art Glück, wie es der Titel des Buches verspricht? Genazino weiß es selbst nicht. Sicher ist er sich aber, dass man derzeit erleben muss, wie sich das Glück entfernt. Dennoch: Glück ist im Alltag, im Kleinen zu finden. „Und das ist tröstlich.“

Von Helge Dickau

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Hier bloggen wir zu den Göttinger Händel-Festspielen 2017 – berichten von Vorbereitungen, besuchen Opernproben und werfen einen Blick hinter die Kulissen. mehr

Fotografie-Ausstellung „In saeculo lux“ in der Galerie Ahlers