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Windiger Hund mit dem Willen zur Macht

Der Marquis von Keith Windiger Hund mit dem Willen zur Macht

Was ist er doch für ein sympathischer junger Mann, dieser Marquis. Gebildet, eloquent, enthusiastisch und mit Visionen. Einen Feenpalast will er diesem Städtchen schenken, eine prächtiges Haus für Kultur. Frank Wedekind hat das Stück „Der Marquis von Keith“ um die Wende zum 20. Jahrhundert geschrieben, Uraufführung war 1901 in München. Verblüffend, wie aktuell dieses Stück auch nach gut 100 Jahren noch ist. Denn der Marquis ist ein Hochstapler, ein windiger Hund, der vom Geld anderer Leute lebt. Die Premiere im Staatstheater Kassel wurde begeistert beklatscht.

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Gierig auf Leben: Marquis von Keith (Sebastian Klein) und Anna Gräfin Werdenfels (Agnes Mann).

Quelle: Klinger

Es ist die Produktion der Neuen am Staatstheater. Die Regie führte Patrick Schlösser. Er ist neuer Oberspielleiter an dem Haus. Und er besetzte gleich vier Rollen mit Schauspielern, die seit dieser Spielzeit im Ensemble sind – zwei von ihnen spielen Hauptrollen. „Ein Risiko“ nannte Intendant Thomas Bockelmann diese Entscheidung Schlössers im Anschluss an die Premiere, eines, das sich ausgezahlt hat.

Sebastian Klein spielt den Marquis von Keith. Im vergangenen Jahr schloss er sein Schauspielstudium in Frankfurt ab. „Eineinhalb Monate hatte er ein Engagement, bevor wir ihn loseisen konnten“, erzählte Bockelmann. Es hat sich gelohnt. Klein versprüht viel Charme, Temperament und Chuzpe. Und er kann Szenen leiten. Sein Marquis führt die Geldgeber für seinen Feenpalast am Nasenring durch die Manege. Er beeindruckt sie durch sein Auftreten, verspricht ihnen üppige Rendite und landet auf dem Bauch, als seine Geschäftspartner entdecken, dass er mit ihrem Geld um sich wirft und sich keine Gedanken um eine solide Buchführung macht. Und der Adelstitel ist ihm durch eine fragwürdige Adoption zugewachsen.
Wedekinds Gegenentwurf zum Marquis ist Ernst Scholz (ebenfalls ganz frisch am Staatstheater: Thomas Meczele), der seinen Adelstitel aus Überdruss ablegte. Wo Lebemann Keith die Lebenslust in die Spießerwelt bringen will und dafür die Moral ignoriert, will Moralist Scholz den Lebensgenuss erlernen. Beide wollen den jeweils anderen für ihre Zwecke vereinnahmen. Als das Geschäftsgebäude des Marquis zu bröckeln beginnt, bricht auch sein Privatleben auseinander. Seine bodenständige Ehefrau Molly (Birte Leest) nimmt sich das Leben, seine Geliebte, die Gräfin Werdenfels (Agnes Mann), wechselt die Seiten. Sie will nahe an der Macht sein.

Schlösser, der bereits mehrfach als Gast in Kassel inszenierte, hat sehr durchdacht und strukturiert inszeniert – und seine Schauspieler glänzend geführt. Bis in kleinere Rollen wie die des Consul-Sohnes Casimir, gespielt von Peter Elter, agieren die Schauspieler auf hohem Niveau. Ben Baur hat eine Bühne entworfen, die dem improvisierten Leben des Marquis und dem Luftschloss Feenpalast entspricht. Ein sehr kompakter, dichter Abend, der in die Tiefe geht.

Weitere Vorstellungen: 10., 15., 17., 23. und 29. Oktober sowie am 3., 4., 21. und 24. November um 19.30 Uhr in Staatstheater Kassel, Friedrichsplatz 15. Kartentelefon: 05    61   /   10    94 2 22.

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