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Winter des Lebens

Diskussion im Literarischen Zentrum Winter des Lebens

Es lässt sich so lapidar sagen: Vor allem Texte alter Männer standen bei  „Summe, etwas letztes Äußerstes“ im Literarischen Zentrum in Göttingen im Vordergrund, der letzten Veranstaltung in der Reihe „Das Alter in der Literatur“.

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Mit Lust an der Debatte: Literaturkritikerin Frauke Meyer-Gosau und Literaturwissenschaftler Kai Sina.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Texte, die sich mit dem Lebensabend, dem „Winter des Lebens“ beschäftigen, wie der amerikanische Schriftsteller Paul Auster das Alter in seinem „Winterjournal“ metaphorisch benennt. Texte von Autoren, die entstanden, als sie selbst bereits in die Jahre gekommen waren: Von Goethe über Thomas Mann und Heinrich Heine bis hin zu Leonard Cohen. Über diese Spätwerke diskutierten der Literaturwissenschaftler Kai Sina und die Literaturkritikerin Frauke Meyer-Gosau im gut besuchten Zentrum. Schauspielerin Imme Beccard las jeweils zwei Texte, die das literarische Duo dann kontrovers und sehr unterhaltsam diskutierte.

Dass Sina und Meyer-Gosau, bedingt durch den Geschlechts- und Altersunterschied, ganz divergent auf den jeweiligen Text blicken, erweist sich als ergiebig und spannend. Zentral sei die Frage, so Sina, was das Spätwerk als Kunstwerk eigentlich auszeichne, wie literarische Texte alterten. Oft sei das „Summe ziehen“ ein Motiv in den Texten. Dieses Motiv ist bei Auster anzutreffen, denn er denkt beispielsweise in der Du-Perspektive darüber nach wie viele Schritte er wohl getan oder wie oft er mit den Augen gezwinkert habe und ja, wie viele Frauen er gehabt habe. Er spürt alten Wunden nach und schreibt geradezu eine Biographie seines Körpers und dessen Erfahrungen und Empfindungen.

Das Körperliche schlägt sich auch in Heines Gedicht „Rückschau“ nieder, das bitterböse bilanziert. Aber auch er, ganz Mann, denkt über „manche schöne Puppe“ nach, die er einst besaß. Vor allem der Wunsch, sich selbst ein Denkmal zu setzen, ist dagegen in späten Texten von Mann und Goethe zu finden. Sie feiern sich nicht als Liebesgott, sondern als Allwissende. Diese eitle Haltung provoziere und sei heutigen Autoren fremd, so Sina. Sie scheinen zu sagen: „Das war es jetzt, nach uns kann nichts mehr kommen“, stellt Meyer-Gosau belustigt fest, die durchgehend sehr pointiert und spritzig argumentiert.

Ganz anders die prosaischen Gedichte genannt „Études“ von Friederike Mayröcker, der einzigen weiblichen Erzählstimme an diesem Abend. Sie schreibt intensiv, fein und stark fragmentiert, als habe sie akzeptiert, dass am Lebensende nichts mehr rund und fertig werde, so Meyer-Gosau.

Von Marie Varela

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