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„Wir haben die Wahl und wählen die Freiheit“

Deutschland-Revue „Wir haben die Wahl und wählen die Freiheit“

Mit einer von dem Germanisten Heinz Ludwig Arnold arrangierten „Deutschland-Revue“ hat die Stadt Göttingen am Sonntag den 20. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung gewürdigt. Das Festrednerpult war prominent besetzt: mit dem Bundespräsidentschaftskandidaten und DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck.

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Auch launig: Joachim Gauck in seinem Festvortrag.

Quelle: Heller

Komprimiert und dicht ließ die Revue 500 Jahre Deutsche Geschichte im literarischen Spiegel Revue passieren. Ein Streifzug im Original-Ton der Zeit, von Reformation und Gegenreformation, über den Dreißigjährigen Krieg, Aufklärung, die Deutschen Einigungskriege sowie Ersten und Zweiten Weltkrieg, bis hin zur Wiedervereinigung vor 20 Jahren.

In rascher Abfolge und wie lebendige Zeitzeugenzitate knapp aneinandergereiht, ließen Florian Eppinger, Philip Hagmann, Julia Hansen und Marie Isabel Walke vom DT-Ensemble die Großen aus Literatur und Lyrik, Philosophie und Religion zu Deutschland und deutschem Bewusstsein zu Wort kommen: Von Hutten und Gryphius über den Göttinger „Sturm und Drang“-Dichter Bürger, die Philosophen Kant und Nietzsche, Goethe und Büchner bis hin zu Brecht, Benn, Kästner, Sachs und Treichel. Am Ende wurde die Nationalhymne, von Fallerslebens Deutschlandlied rezitiert. Alles in allem ein beeindruckender, wenn auch männlich geprägter Blick auf das Werden des geeinten Deutschland.

Um Dankbarkeit, Freiheit und die Bedeutung von Demokratie drehte sich zuvor Gaucks Festrede, die nachdenklich stimmte, aber auch Launigkeit besaß. „Ohne Freiheit keine Einheit“ – Doch ist uns heute überhaupt noch bewusst, was Demokratie und Freiheit, als Fähigkeit zur Selbstverantwortung bedeuten? Gauck appellierte an Geduld im noch andauernden Einigungsprozess und den kritischen Umgang mit der Vergangenheit. Er führte vor Augen, wie beängstigend leicht der gesellschaftliche „Loss of Reality“ bei diktatorischen Systemen und der historischen Aufarbeitung vor sich gehen kann und politische Nostalgie demnach als neue, weitere Verweigerung von Wirklichkeit wahrzunehmen sei.

Gauck gedachte der Mutigen, die die Wende herbeigeführt hatten und forderte auf, wann immer es möglich ist, demokratische Möglichkeiten wahrzunehmen und sich der Demokratie bewusst zu sein: „Wir sind freie Menschen, wir haben die Wahl und wählen die Freiheit!“. Gaucks persönliches Credo „Ich werde nie, nie eine Wahl verpassen und nie, nie nicht wählen“ – wurde dadurch zu einem weit über eine persönliche Absichtserklärung hinausgehenden Appell an gesellschaftliche Urteilsfähigkeit und Verantwortung.

Von Karoline Jirikowski-Winter

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