Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
„Wir hatten alle eine Idee vom Paradies“

Niedersächsische Musiktage „Wir hatten alle eine Idee vom Paradies“

Die Niedersächsischen Musiktage starten dieses Jahr in Duderstadt - mit der interkulturellen Begegnung „Israel in Egypt“. Ein jüdisch-arabisches Ensemble, der irakisch-jüdische Oud- und Geigenspieler Yair Dalal, moslemische und jüdische Kantoren, Knabenchor und Barockorchester, dazu noch Händels „Israel in Egypt“, wie geht das zusammen?

Voriger Artikel
„Es gibt nichts Größeres und Besseres“
Nächster Artikel
Heimkehr mit absehbarem Happy End

Kultureller Brückenschlag: Barockorchester L‘arte del mondo mit islamischen und jüdischen Musikern unter Werner Ehrhardt.

Quelle: EF

Duderstadt. Wer „Israel in Egypt“ bei Google eingibt, erhält eine bunte Mischung an Treffern: von Händels beliebtestem Oratorium bis zu politischen Meldungen wie „Ägypten nennt Israel seinen größten Feind“. In diesem Spannungsfeld versucht das Barockorchester L’arte del mondo einen kulturellen Brückenschlag. Dessen künstlerischer Leiter Werner Ehrhardt hält mit seiner Version von Händels Oratorium ein musikalisches Plädoyer für den Dialog der drei Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum. Im Gespräch mit Judith Steidinger erklärt Ehrhardt, was die Zuhörer erwartet.

Ein jüdisch-arabisches Ensemble, der irakisch-jüdische Oud- und Geigenspieler Yair Dalal, moslemische und jüdische Kantoren, Knabenchor und Barockorchester, dazu noch Händels „Israel in Egypt“, wie geht das zusammen?

Sehr gut! Händel selber hat in seiner biblischen Erzählung vom Exodus des israelitischen Volkes aus Ägypten Schnitte gemacht und Lücken gelassen. Wir folgen der Geschichte, lassen aber immer wieder den Koran oder die Thora weitererzählen. Das Thema spielt ja auch im Judentum eine zentrale Rolle. Musikalisch treffen verschiedene Stile aufeinander. Zu Händels Musik kommen Kompositionen von Yair Dalal, israelischer Jude mit irakischen Wurzeln, der jahrelang mit Beduinen in der Wüste gelebt hat. Araber werden ihre Musiktradition und Melodien wieder­erkennen; aber es gibt auch Stücke rein jüdischen Ursprungs und wir haben es teilweise so arrangiert, dass wir auch gemeinsam musizieren können. Als ich erstmals mit den israelischen Kollegen zusammen kam, fragte jemand: „Kannte denn Händel die Wüste?

Wie schaffen Sie es, diesen so unterschiedlichen Traditionen der mitteleuropäischen und orientalischen Musik gerecht zu werden?

Uns geht es um eine echte Begegnung, wir wollen keinesfalls alles in einen Topf werfen. Der Dialog entsteht im Wechselspiel, wobei die Konturen teils scharf sind, teils fließend. Die Eigenart jeder Musik, das Authentische muss bestehen bleiben. Für mich ist es spannend, die eigene Perspektive zu relativieren, mich zu fragen, wie jemand anderer gedacht haben mag. Die Frage der Perspektive beeinflusst massiv die Interpretation von Musik. Ich denke, dass im Blick auf das Andere ein Spiegel für das eigene Selbst entsteht. Wie durch ein Prisma lässt sich durch das Andere das Eigene erst so deutlich spüren.

Erleben Sie diese Ihre Erfahrungen während des Musizierens auch auf Seiten des Publikums?

Von den interkulturellen Projekten, die ich gemacht habe ist es dieses, auf welches die Menschen mit der größten Ergriffenheit reagiert haben, wahrscheinlich weil hier viele persönliche wie spirituelle Erfahrungen zusammenkommen. Die spirituelle Ebene ist so stark. Wirklich existentiell war die Spannung bei der Aufführung in Jerusalem. Konzertbesucher kamen auf mich zu und sagten: „Für die zweieinhalb Stunden des Konzertes hatten wir alle eine Idee vom Paradies.“

Können Sie formulieren, was Sie selber für Erfahrungen aus der Begegnung mit orientalischen Kulturen gewonnen haben?

Zuerst einmal die Situation wahrzunehmen; im Musizieren oder in anderen menschlichen Begegnungen zunächst sich hinein zu fühlen ohne zu beurteilen oder etwas sofort zu kritisieren. Dieses offene Gegenübertreten ist für mich der Schlüssel, auch in der Musik: den eigenen Standpunkt kennen und den anderen wahrnehmen können.

Konzert „Aus der Sklaverei in die Freiheit“: Sonnabend, 1. September, um 20 Uhr in der St.-Cyriakus-Kirche in Duderstadt. Restkarten gibt es in der Geschäftsstelle des Eichsfelder Tageblatt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt, sowie unter musiktage.de.

Werner Ehrhardt, Geiger und Dirigent, war Gründungsmitglied und bis 2005 als Violinist Leiter des Kammerorchesters Concerto Köln, das 2007 mit dem Echo Klassik in der Sparte Alte Musik ausgezeichnet wurde. 2004 gründete Ehrhardt das Ensemble L‘arte del mondo, mit dem er national und international Erfolge feierte. Er hat mit Solisten wie Andreas Scholl, Viktoria Mullova oder Daniel Hope zusammengearbeitet.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Himmlische Längen und Blicke in den Abgrund

Franz Schubert gewidmet war der Vier-Stunden-Abend am Montag im Deutschen Theater. Kein gewöhnliches Konzert, sondern eine Kombination aus Vortrag, Lesung, Konzert und Brotzeit – der scheidende Musiktage-Intendant Markus Fein, der zu den Berliner Philharmonikern wechselt, hatte schon immer ein Gespür für ungewöhnliche Dramaturgien.

mehr
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag