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„Wir sind geächtet mit dem Stern – auf dem Auto“

Kabarett „Wir sind geächtet mit dem Stern – auf dem Auto“

Matthias Tretter ist ein Kabarettist, den man sich merken sollte. Für alle, die ihn noch nicht kennen, charakterisiert er sich kurz selbst: „wie Mario Barth – nur für Leute mit Schulabschluss“.  Dass der Würzburger sich auf einen intelligenten Humor versteht, hat er am Sonnabend mit seinem neuen Mammutprogramm „Staatsfeind Nr. 11“ im Apex gezeigt. In atemlosen zweieinhalb Stunden Politsatire vertieft der smarte 36-Jährige mit feinem Zwirn und Britpop-Frisur Weltpolitik, Bankenkrise und sein Privatleben.

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Blick nach Amerika: Matthias Tretter.

Quelle: Heller

Er hat rübergemacht von Franken nach Leipzig. Was ihn an Ostdeutschland  gewaltig stört, sind die vielen Heilpraktiker: junge Männer, die in Springerstiefeln und Bomberjacken den Hitlergruß praktizieren. Der Mauerfall vor 20 Jahren hatte nicht nur positive Folgen, führt Tretter aus. Zwei Millionen Stasimitarbeiter sind arbeitslos geworden. Davon arbeite jetzt eine Million bei der Deutschen Bahn, der Rest bei Lidl. Das obere  Management macht einen großen Teil von Tretters Programm aus. Menschen wie sie seien mittlerweile Abschaum. „Wir sind geächtet mit dem Stern – auf dem Auto.“ 

Und natürlich darf der Blick nach Amerika nicht fehlen. Obwohl:  „Obama macht’s einem wirklich nicht leicht als Kabarettist“, stöhnt Tretter. Vielleicht seien seine schwäbischen Vorfahren ein Ansatz, überlegt er und kommt zu dem Schluss, dass es angesichts der Biografie des Mannes einem Wunder gleicht, dass er an Guantanamo vorbeigekommen sei und dass er Präsident werden wollte. Aber in Amerika sei es schon immer so gewesen: „Wenn es einen Scheiß-Job gibt, muss ihn der Neger machen“, sagt Tretter ketzerisch. Man kann dem Träger des bayrischen Kabarettpreises viel unterstellen, nur keine politische Korrektheit. Er legt es auch nicht darauf an, aber tief in seinem Inneren gibt es doch diesen immerwährenden Disput zwischen seinem Über-Ich und seinem Es, das gern mal so richtig auf die Kacke haut.

Schlagabtausch

Das Publikum lässt er an den amüsanten Auseinandersetzungen der zwei Seelen in seiner Brust immer wieder teilhaben. Und wenn die nicht diskutieren, liefert sich Tretter einen Schlagabtausch mit seinem ehemaligen WG-Kumpel und Hartz-IV–Empfänger, dem ewig bekifften Ansgar. Locker wechselt Tretter zwischen Merkelparodie, VW-Chefetage und Alltagstrott. Die Zuschauer müssen auch nicht auf seine inzwischen legendären Kinski-Nummern verzichten. Sie honorieren das mit mächtigem Applaus. Großes Kabarett!

Von Eida Koheil

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