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„Wir werden die Menschen nicht enttäuschen“

Tageblatt-Interview Walter Sittler „Wir werden die Menschen nicht enttäuschen“

Walter Sittler spielt im Deutschen Theater Göttingen in „Als ich ein kleiner Junge war“ den Schriftsteller Erich Kästner. Mit Corinna Berghahn sprach der 57-Jährige vorab über seinen Erfolg im Fernsehen und dessen Auswirkungen auf das Theater.

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In der Redaktion konnten fast alle Frauen mit Ihrem Namen etwas anfangen, die Männer weniger. Stichwort Frauenschwarm: Genießen Sie Ihre Wirkung auf die Damenwelt?
Da ich die meisten Damen leider nicht kenne, ist es sehr schön, dass viele mir zuschauen. Denn dann hat man das Gefühl, nicht alles gänzlich falsch zu machen, weil Frauen doch weniger die Konkurrenz pflegen als Männer das tun. Viele zumindest.

Bekannt geworden sind Sie dem großen Publikum durch das Fernsehen, doch eigentlich kommen Sie von der Bühne. Was ist ihnen lieber: TV oder Theater?
Das kann man nicht wirklich vergleichen, weil die Arbeit auf der Bühne ganz anders ist als die im Fernsehen. Auf der Bühne hat man die Zuschauer nach sechs bis acht Wochen Probe direkt vor sich. Im Fernsehen beeinflusse ich das Endprodukt gar nicht so stark. Ich versuche einfach, möglichst gut zu spielen. Was dann dabei raus kommt mit Schnitt, Musik und Sendeplatz, ist ungewiss.

Was gefällt Ihnen denn besser?
Mein Zuhause ist die Bühne. Eindeutig. Aber Fernsehen ist auch schön und hat den Vorteil, dass man – wenn es gut läuft - einem sehr breiten Publikum bekannt werden kann. Und das hat wiederum Auswirkungen auf die Bühne. Wie bei mir.

Inwiefern?
Weil sie mich im Fernsehen gesehen haben, kommen die Leute auch ins Theater. Das nutze ich natürlich sehr gerne aus, weil das Theater eine der Kunstformen ist, die – egal was passiert – überhaupt nie aussterben wird. Man braucht nichts, außer zwei die zuschauen und einen, der spielt. Das ist toll.

Hat Ihr Fernseherfolg Ihre Karriere sehr beeinflusst?
Natürlich habe ich durch die Bekanntheit viele verschiedene Rollen spielen dürfen, was sehr schön ist. Ich hab deshalb aber auch weniger Zeit auf der Bühne verbracht. Dieses und nächstes Jahr werde ich wieder etwas mehr auf der Bühne stehen. Auch um zu schauen, ob ich es noch kann.

Eine bewusste Entscheidung von Ihnen also?
Ja, wenn dann natürlich ein Angebot kommt wie nächstes Jahr in „Gut gegen Nordwind“ mitzuspielen, würde man sowieso nicht ablehnen. Ich zumindest nicht.

Sie waren mit Erich Kästners Jugenderinnerungen schon 2006 und 2007/2008 auf Tournee. Warum jetzt wieder?
Wo immer wir hinkommen ist die Nachfrage sehr, sehr groß. Offenbar wollen es noch so viele Menschen sehen. Es ist fast immer brechend voll.

Woran liegt das?
Ich glaube, die Sehnsucht der Menschen ist groß nach ordentlich durchdachten, warmen Texten, die trotzdem verstehbar sind. Kästners Sprache ist wunderschön einfach. Er schaut die Menschen an und beschreibt das Wesentliche nicht das Unwesentliche. Unsere Gesellschaft ist so sehr auf das Unwesentliche konzentriert, dass die meisten Menschen danach lechzen, das Wesentliche in einer einfachen Form präsentiert zu bekommen. Da ist diese Sehnsucht, einfach in Ruhe mal wieder zuhören zu dürfen, ohne Rauch, ohne Nebel, ohne Explosionen. Alte, junge, alle Menschen kommen in das Stück: Es ist, als bewässere man eine Wüste.

Was reizt Sie an der Person Erich Kästner?
Was und wen er auch immer beschreibt: Er verurteilt nicht. Sondern beschreibt die Menschen so, wie sie sind und überlässt dem Leser, beziehungsweise in unserem Fall dem Zuschauer, die Einordnung. Und das macht Kästner so sympathisch. Dabei hat er immer eine klare Haltung, aber er erhebt sich nicht darüber. Er bleibt auf Augenhöhe und hat eine ganz große Empathie, ohne dass es kitschig wird. Und er ist immun gegen Größenwahn. Das sind wir in unserer Zeit leider nicht. Auch die Zeitungen und Fernsehsender, besonders die kommerziellen, verfallen dem Gerede vom „Größten, Besten, Schönsten“. Es ist grauenvoll und nervt einfach.

Wobei die öffentlich Rechtlichen da schön nachziehen ...
... Ja, die entkommen dem auch nicht. Aber zum Glück schaffen sie es nicht ganz so.

Sie mögen Kästner anscheinend sehr.
Er ist absolut kitschfrei und sehr witzig. Bei ihm wird man zu sich selbst verführt. Nicht dazu, irgendwas zu übernehmen oder zu glauben, sondern seine eigene Phantasie zu entfalten und sich selbst nahe zu kommen. Und das ist das Wichtige: Das man die Heimat in sich selbst findet.

Kästner schreibt in seinen Jugenderinnerungen über ein Dresden, das später im Zweiten Weltkrieg fast vollkommen zerstört wurde. Merkt man das dem Stück an?
Da er ein guter Autor ist, lässt er nichts aus und spricht in dem Kapitel „Dresden“ über seine Eltern, die in die Stadt ziehen, in der er geboren wurde. Doch larmoyantes Selbstmitleid ist ihm fremd. Er beschreibt einfach nur seinen Zugang zu seiner Stadt.

Das Stück ist ein Ein-Mann-Stück. Fällt es Ihnen leichter oder schwerer, der einzige auf der Bühne zu sein, der spricht?
Vor sechs Jahren hätte ich gesagt: „Alleine auf der Bühne: Niemals! Ich will mit Leuten zusammen spielen.“ Jetzt, vier Jahre nach Beginn der Tour, würde ich sagen, dass es auf das Stück ankommt. Und bei den Jugenderinnerungen ist es großartig, weil ich sechs gute Musiker hinter mir habe, die zuhören, einige hundert Zuschauer vor mir, die zuhören. Dazu habe ich einen wunderbaren Text, ein einfaches schönes Bühnenbild und gute Beleuchtung. Ich fühle mich wie in Abrahams Schoß. Das ist ein großes Vergnügen. Selbst nach 140 Vorstellungen ist es immer wieder schön, das Stück den Menschen zu zeigen.

Haben Sie schon einmal in Göttingen gespielt?
Nein, das wird eine richtige Premiere, auf die ich mich freue. Auch darauf, dass wir im Deutschen Theater spielen, das ja einen ordentlichen Ruf hat. Wir werden die Menschen an den zwei Abenden bestimmt nicht enttäuschen.

Die Vorstellung von „Als ich ein kleiner Junge war“ im Deutschen Theater Göttingen am 20. Januar ist ausverkauft. Für den Termin am Donnerstag, 28. Januar, um 19.45 Uhr gibt es noch wenige Restkarten unter 05 51 / 49 69 19.

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