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Wirrwarr, aus dem persönliches Leben fließt

„Kunst und Dialog“ Wirrwarr, aus dem persönliches Leben fließt

Sieben Briefe hängen im Weißen Saal des Göttinger Künstlerhauses. Auf ihren durchsichtigen Plastikkörpern tragen sie krakelige Buchstaben, konfuse Wortgebilde, die sich aus dem Linienwirrwarr, in dem sie schwimmen, nur erahnen lassen.

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Der Mensch hinter den Zeilen: Renate Bethmann hinter Botschaften von Demenzkranken.

Quelle: Heller

Zeilen aus Acryl, die präsent sind, die Nähe suchen. Verfasst sind diese Botschaften im Original von Demenzkranken auf der Suche nach sich selbst. Renate Bethmann hat sie mit ihrem Werk „Letter“ für die Reihe „Kunst und Dialog“ in eine Installation verwandelt.

Ein emotionaler, bewegender und faszinierender Beitrag, der eine ganz andere Seite der Kommunikation beleuchtet, ist der Göttinger Künstlerin gelungen. Ihre Arbeit ermöglicht einen Einblick in die Perspektive der Autoren, welche ihre Äußerungen nicht mehr konventionell codieren können und stellt die Betrachter vor die Herausforderung, nicht objektive Sprache zu dechiffrieren. Nicht von ihrem Inhalt her sind die fragilen Schrift-Zeichnungen, zu begreifen, sondern der Umstand ihrer Entstehung wird zum Schlüssel des Verständnisses und eröffnet neue Wahrnehmungsmuster. Die Demenz verursacht nicht nur Verlust, sie schafft auch etwas Neues.

Auf berührende Weise schafft Bethmann Räume und vielseitige Ansatzpunkte, durch welche der Mensch hinter den Zeilen bruchstückhaft sichtbar wird. Aus einem frontalen Blickwinkel verschwimmen die Zeichen ineinander und bilden eine Wand des Unverständnisses und der Isolation, aus einem anderen wiederum wird die Schrift klarer. In der Anordnung der hintereinander aufgereihten Briefe werden die Zwischenräume schrittweise enger. „Bei den Dementen wird das Mitteilungsbedürfnis immer größer, wobei die motorischen Fähigkeiten abnehmen“, erklärt Bethmann.

Sie war oft anwesend, wenn die vom persönlichen Leben geprägten Linien auf das Papier flossen. Bethmann: „Was am längsten bleibt bei den Dementen sind Rituale. Eine Dame war vermutlich in der Buchhaltung beschäftigt, bei ihr finden sich immer wieder Zahlen.“

Von Anna Kleimann

Ausstellungen von 11 bis 18 Uhr: 9. Oktober: C. Geister mit „Er sucht sie – sie sucht ihn“; 10. Oktober: R. Kiefer mit „Energiespender“; 11. Oktober: G. Sheehan mit „Anfang und Ende“. Künstlerhaus Göttingen, Gotmarstraße 1.

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