Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 18 ° Regenschauer

Navigation:
Wladimir Kaminer im Jungen Theater

Lesung Wladimir Kaminer im Jungen Theater

Er ist ein gern gesehener Gast im Jungen Theater Göttingen: der Autor Wladimir Kaminer. Am Sonntag, 29. März, hat er wieder einmal Station dort gemacht und aus seinem neuen Buch „Salve, Papa“ und Allerneuestes gelesen.

Voriger Artikel
Dieter Hallervorden präsentiert sein Jubiläumsprogramm „Stationen eines Komödianten“
Nächster Artikel
Musikalischer Bilderbogen aus Südtirol

Präziser Beobachter: Wladimir Kaminer.

Quelle: Peter Heller

Wären skurrile Alltagssituationen selbst so lustig wie die Erzählungen über sie – wir kämen aus dem Lachen kaum noch heraus. Und dabei wäre es unerheblich, ob man in der Weite des Nordkaukasus lebte oder in einer Provinzstadt namens Berlin. Diesen Eindruck vermittelte jedenfalls die Lesung von Wladimir Kaminer am Sonntagabend im rappelvollen Jungen Theater. Kaminer las Texte aus seinem neuen Buch „Salve, Papa“ (2008) und Allerneuestes aus den vergangenen Tagen.

Die etwas eigenwillige Publikumsfrage nach seinem „Sinn für Humor“ pflege er damit zu beantworten, dass er eine „tragische Lebenswahrnehmung“ habe, sagt Kaminer. Dem verdankt sich, dass der Autor seine Figuren nicht verspottet: Der fülligen Frau im Verkaufsstand in einer Postfiliale im kaukasischen Nirgendwo wird ihre Würde nicht genommen, wenn ihre überaus beengte Lage mit der Vermutung erklärt wird, der Tresen sei um sie herum gebaut worden. Und manche scheinbare Dusseligkeit spätsozialistisch sozialisierter Menschen birgt doch Schläue und Witz.

Wie ein Echo leerer realsozialistischer Versprechungen klingt die bittere Erfahrung marktwirtschaftlicher leerer Versprechen, dass das „chicken bag“, eine Bratenfolie, leer ist, wenn man nicht zuvor ein Huhn hineintut. Und sind letztlich jene Russen, die komplexe Probleme wie das Liebesleben einer einfachen Lösung zuführen möchten, indem sie sich mit Pheromonen parfümieren, nicht goldig?

Kaminer ist ein präziser Beobachter auch seinesgleichen. In der Runde jener Berliner Väter beim „Sponsorenlauf“ der Grundschulkinder meint man selbst schon gestanden zu haben, wie der Szenenapplaus verrät. Nur ganz selten verleitet der alltägliche Wahnsinn den Schriftsteller zur Groteske, etwa wenn die Phosphorbeigabe im Hundefutter die Hundekacke zum Leuchten bringt.

Gewollter Slang

Über die sprachliche Virtuosität und Leichtigkeit Kaminers kann man staunen, auch wenn es zu Wiederholungen kommt, sich also ein gewollter Slang einschleift: Menschen mit ungünstigem Body-Mass-Index nennt er „mollig“ und freut sich bei älteren Damen über „komplizierte Frisuren“. Kaminer ist offen für sprachliche Feinheiten: Am Sonntag belehrte ihn das Publikum im Jungen Theater, dass die weniger komplizierte Form, in der ältere Damen langes Haar am Schädelheck zu drapieren in der Lage sind, „Dutt“ heißt. Dafür dankte er wie für die „Fragelosigkeit“ des Publikums, die die anderthalbstündige Lesung davor bewahrte, unendlich ausgedehnt zu werden. Das Gespräch hätte sich nämlich solchen Petitessen wie der Finanzkrise, dem Sex, deutscher Mentalität und dem antarktischen „Eisfisch“, einem sowjetischen Grundnahrungsmittel, widmen müssen. Das wäre des Guten denn doch zuviel gewesen.

                                                                                                           Von Karl Friedrich Ulrichs

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Hier bloggen wir zu den Göttinger Händel-Festspielen 2017 – berichten von Vorbereitungen, besuchen Opernproben und werfen einen Blick hinter die Kulissen. mehr

Fotografie-Ausstellung „In saeculo lux“ in der Galerie Ahlers