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„Vom Kleinmaleins des Seins“ Wohnung ohne Schlüssel, Schlüssel ohne Wohnung

Ob nun mehr Frauen als Männer ins Theater gehen, lässt sich kaum sagen. Klar ist jedoch: Den Auftritt von Walter Sittler am Mittwochabend im Deutschen Theater (DT) Göttingen wollten eindeutig mehr Frauen erleben.

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Fürs Gastspiel mit dem Kran aus dem Keller gewuchtet

Gerade nähert sich vorsichtig ein Gedanke, den er nicht verscheuchen will: Walter Sittler als Erich Kästner.

Quelle: Theodoro da Silva

Ist ja auch kein Wunder. Der 58-jährige Schauspieler ist groß, charmant, attraktiv und prominent. Und sein Programm, mit dem er zu Gast war, ist obendrein noch hochkarätig. „Vom Kleinmaleins des Seins“ heißt es, und Sittler beleuchtet mit dieser laut Programmheft „autobiographischen Bühnenerzählung“ das (Erwachsenen-)Leben Erich Kästners (1899 – 1974). Er setzt damit Begonnenes fort. „Als ich ein kleiner Junge war“ hieß sein Programm vor einem Jahr im DT, damals ging es um die Kinder- und Jugendjahre Kästners. Und dort wo er geendet hatte, mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs, fuhr er diesmal fort.
Herzkrank sei er aus dem Krieg zurückgekommen. „Meine Eltern mussten mich, den 19-Jährigen, die Treppe hinauf schieben“, sagt Sittler als Kästner. Er trägt einen schicken, fein gestreiften Anzug mit Weste, die braunen Schuhe tadellos gepflegt. Kästner sei über viele Jahre als „möblierter Herr“ ein öffentlicher Mensch gewesen, habe stundenlang in Cafés geschrieben, sich mit seinen Freunden nachts in Bars getroffen, erklärt Regisseur Martin Mühleis im Anschluss an die Vorstellung im Gespräch und nennt Kästner einen Bohemien. Mühleis konzipierte nach dem ersten auch den zweiten Abend mit den Kästner-Texten. Sittler habe das Programm eigentlich nicht fortsetzen wollen, so Mühl­eis, doch eine Testlesung im Raum Stuttgart, beider Heimat, habe Sittler dann überzeugt – zuerst jedoch seine Ehefrau, erzählt der Regisseur. Sie habe gesagt: „Das musst du machen.“

Nun spielt Sittler mit sparsamer, immer angemessener Gestik und Mimik durch Kästners Leben nach dem Ersten Weltkrieg. Er zeigt ihn als Student in Leipzig, der sein Studium mit dem Schreiben von Theater- und Kunstkritiken finanzierte. Er zeigt ihn nach seinem Rauswurf bei einer Leipziger Zeitung lebendig und unternehmungslustig in Berlin ankommend und dort zur Untermiete wohnend. Er zeigt aber auch einen Kästner, der sehr entschieden gegen die Nationalsozialisten und für Deutschland eintritt.

Vieles an diesem Abend, der sehr professionell, zurückhaltend und doch pointiert von einer sechsköpfigen Band begleitet wird, ist vergnüglich einiges sehr ernst. Kästner hält den Kopf oben auch in Zeiten, als seine Wohnung in Berlin nach einem Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg ausbrennt („Eine Wohnung ohne Schlüssel ist ärgerlich, ein Schlüssel ohne Wohnung ist grotesk“), als er die Hauptstadt nicht verlassen darf und nach 42 Lebensjahren zum ersten Mal Weihnachten nicht mit seinen Eltern verbringen kann, die in Dresden leben. Bemerkenswertes erfahren die Theaterbesucher aus Briefen, die Kästner an sein „Muttchen“ schrieb und die er mit „dein oller Junge“ unterschrieb. Stolz wird Muttchen auf ihren erfolgreichen und aufrechten Sohn gewesen sein, auch als die Nazis seine Bücher verbrannten. Sittler übrigens engagierte sich häufig für wohltätige Zwecke und trat an prominenter Stelle gegen den Abriss des Stuttgarter Bahnhofs an. Er sei ein belesener, interessierter Mensch, sagt Mühl­eis über Sittler. Vielleicht aber hat ihn ja auch seine Beschäftigung mit Kästner darin bestärkt aufzubegehren.

Walter Sittler spielt diesen Kästner-Abend am Mittwoch, 2. Februar, um 19.45 Uhr noch einmal im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Restkarten gibt es unter Telefon 05 51 / 49 69 11.

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