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Resonanzen zu Bartok

Zeitgenössische Musik vom Artwork Ensemble Resonanzen zu Bartok

Zwei Klaviere und zwei Schlagzeuge: Für diese Besetzung schrieb Bela Bartok 1937 seine „Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug“. Was sich mit dieser reizvollen Instrumentierung so alles machen lässt, zeigte am Sonnabend das zweite Gesprächskonzert der Reihe „Göttinger Abende Zeitgenössischer Musik“.

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Quelle: Hinzmann

Göttingen. Die totale kompositorische Freiheit haben sich die Komponisten der Neuen Musik bereits in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts erkämpft. Aber wie gehen heutige Schöpfer von Musik mit dieser Freiheit heutzutage um? Was fällt ihnen zu zwei Klavieren und zwei Schlagzeugen ein?

Der Detmolder Komponist Martin Christoph Redel, Jahrgang 1947, berichtet über sein Werk „Resonanzen“ von 2009/10, dass er sich kompositorisch auf Bartok bezog und ihn zitierte. Er sieht im Piano mit seinen Tasten und Hämmern ein Art Schlaginstrument und griff deshalb auf die alte Form der Toccata zurück. Die Pianisten Nenad Lecic und Hajdi Elzeser und die Schlagzeuger Yoana Varbanova und Andrey Doynikov vom Artwork Ensemble interpretieren das Werk in seiner Polarität: Zwischen zwei vitalen und rhythmischen Sätzen strahlt ein atmosphärischer Teil in dem Klangfarben in der Stille glänzen und auf Bartok verwiesen wird.

Ganz anders ging der wesentlich jüngere Göttinger Komponist Bernd Schumann, Jahrgang 1979, an diese Instrumentenbesetzung heran: Er arbeitet mit Elektronik und dem Computer. In der Einführung zur Uraufführung seines Werkes „Ungestörte Kreise“ berichtet er, wie er kreisförmige Abbildungen aus einem indischen Tempel oder von einem  persischen Teppich digitalisierte und aus den entstandenen Datenbanken recht monotone Klänge schuf. In der Aufführung reagieren die Musiker maschinenhaft mit flächigen Akkorden auf den Pianos und wabernden Gongs und Becken. Reizvoll ist die erlebbare Diskrepanz und gegenseitige Bereicherung elektronischer und akustischer Sounds.

Nach den zeitgenössischen Werken spielte das Ensemble nun auch Bartoks berühmte Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug. Der Komponist hat in diesem Spätwerk bereits die Dur-/Moll-Welt überwunden und seinen eigenen Klangkosmos geschaffen. Die Musiker spielen das mitreißende Werk präzise und loten es aus zwischen ruhiger Klangsprache und sehr dynamischen Momenten. Das Spiel auf den beiden Pianos verschmilzt miteinander und verzahnt sich mit der Perkussion. 

Der Abend endet mit einem Werk des Amerikaners George Crumb,  Jahrgang 1929: Dessen „Music For A Summer Evening“ bezieht sich ebenfalls auf Bartok und ist eine mystisch-lyrische Klangpoesie. Das Ensemble interpretiert eine immer wieder überraschende Suche nach neuen Klangideen und Spielarten. Die Pianisten greifen immer wieder in den Innenraum der beiden Flügel, zupfen an den Saiten, dämpfen sie ab oder klopfen an den Holzkörper des Instruments. Die Schlagzeuger erzeugen ungehörte Klänge auf exotischer Perkussion wie tibetischen Klangschalen oder Röhrenglocken. Das Stück verzaubert durch seine so vielen lyrischen Ideen an Klängen und Melodien. Pianos und Schlagzeug agieren dabei völlig gleichberechtigt. In einigen Passagen singen und pfeifen die Musiker. Crumb lässt in dieser eher ruhigen Komposition den Tönen viel Raum, sich in der Stille zu entfalten. Es macht Spaß, Crumb bei seiner Expedition in musikalisches Neuland zuzuhören.

Schumann, der diese Reihe organisiert und künstlerisch betreut, kündigte an diesem Abend weitere Konzerte an. Das ist gut so: Denn diese Reihe schließt endlich die bisherige Lücke an Neuer Musik in der Klassik-Stadt Göttingen.

Von Udo Hinz

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