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Zum ersten Mal mit Weißen gegessen

Skhumbuzo Dlamini spielt in dem Stück „Schattenboxer“ Zum ersten Mal mit Weißen gegessen

Skhumbuzo Dlamini ist Bürger der Stadt Göttingen. Zumindest bis zum 1. März. „Ich weiß, dass die mich nicht rausschmeißen“, sagt der Südafrikaner in gutem Englisch beim Treffen in dem Café in der Innenstadt und grinst über das ganze Gesicht. „Meine Zeit hier endet dann.“

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Ein sehr emotionaler Schauspieler: Skhumbuzo Dlamini aus Südafrika.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Dlamini ist von der Göttinger Theatermachern Boat People Projekt für ihre aktuelle Produktion „Schattenboxer“ engagiert worden, in der es um die Geschichte seines Heimatlandes geht. Am 24. Oktober ist der Schauspieler in Deutschland angekommen, am 1. März fliegt er wieder zurück. Die Boat-People-Akteure um Regisseurin Nina de la Chevallerie haben den 39-Jährigen für diese Monate beim Einwohnermeldeamt angemeldet.

Zwischen den Tagen mit Vorstellungen hat Dlamini viel Zeit. De la Chevallerie organisiert Workshops, um die Pausen zu überbrücken. In Loccum hat er mit 34 Jugendlichen gearbeitet. Roma waren darunter, unbegleitete Flüchtlinge aus Eritrea, Syrien und Afghanistan und ihre deutschen Altersgenossen. Traditionellen Zulu-Tanz habe er ihnen unter anderem beigebracht, erklärt de la Chevallerie. Und im Max-Planck-Gymnasium erzählte er vor einer zehnten Klasse über sein Leben, über die Welt, in der er aufwuchs, ein Township in Pietermaritzburg. Eine Geschichte wie aus einem Roman.

Barfuß, oft ohne Essen sei er stundenlang zur Schule gelaufen, erzählt Dlamini. Menschen seien vor seinen Augen umgebracht worden. Er war zehn Jahre alt. „Es war Strategie der Regierung, uns in einer dunklen Ecke zu halten und kämpfen zu lassen“, sagt er heute über das Apartheid-Regime. Damals seien sie mit Messern aufeinander losgegangen. „Das war normal in meiner Gegend.“

Dlamini ist das mittlere von der Geschwistern. Die Mutter habe sie nicht versorgen können, also habe sie ihre Kinder zu einem Onkel gegeben. Der musste sich schon um sieben eigene Kinder kümmern und habe ihn, seinen großen Bruder und die kleine Schwester sehr schlecht behandelt, „wie Hunde“. Die nächste Station der Kinder war bei der Großmutter. Die habe Speisen verkauft, um die Enkel versorgen zu können. Und selbst gebrautes Zulu-Bier. Das verkaufte auch Dlamini dann, immer mit dem Risiko, von der Polizei erwischt zu werden.

Als Glück, wenn auch ein sehr zweifelhaftes, bezeichnet Dlamini, dass sein Bruder vor der Schule angefahren wurde und sich dabei die Beine brach. Von dem Geld, dass die Familie bekam,  kaufte die Mutter Haushaltsgeräte, auch ein Radio. Dlamini hing weiter mit seinen Freunden herum. Wer Geld hatte, fuhr im Sommer an den Strand in Durban. Und Dlamini und seine Kumpel überlegten, wie sie Bares auftreiben könnten. „Einer hatte ein Radio, einer einen Raum, einer Talent und einer ein bisschen Geld“, sagt Dlamini. Die Idee: Sie boten einen Schönheitswettbewerb an, den sie selbst spielten. Dass das schon Theater war, sei ihnen nicht bewusst gewesen. Sie verdienten gut damit. Doch statt das Geld auszugeben, gründeten sie damit ihre Theatergruppe.

Nelson Mandela war 1990 aus dem Haft entlassen worden, der African National Congress (ANC) regierte jetzt das Land. In der Nähe von Dlaminis Zuhause war eine Schule gegründet worden, der Direktor überließ ihnen eine Raum. Sie nannten sich „Rhythm“, später „Sabela“. Viele Wettbewerbe gewann er mit seinen Theaterfreunden, darunter auch einen, der ihnen 10 000 Rand einbrachte, Geld, mit dem sie ihr Theater registrieren lassen konnten. Heute nennen sie sich „Umphithi Theatre Project“ und wollen Jugendliche dazu bringen, mit ihren Talenten etwas anzufangen.

Den Kontakt zum Boat People Projekt in Göttingen stellte Xolani Mdluli her, ein alter Bekannter aus der südafrikanischen Theaterszene, der schon 2013 mit den Göttingern zusammengearbeitet hatte. Als dann die Nachricht kam „Willkommen im Team“ sei er unglaublich stolz und glücklich gewesen.

Bislang habe seine Ehefrau ihn und die vier gemeinsamen Kinder mit ihrer Arbeit als Grillerin in einem Restaurant unterstützt. Jetzt habe er zum ersten mal wirklich Geld mit dem Theaterspielen verdienen können, „das hat  mir so sehr geholfen“, sagt Dlamini. Und: „Zum ersten Mal habe ich hier mit Weißen an einem Tisch gesessen und das Essen geteilt.“

„Ich hatte eine Vision, ich hatte einen Traum, doch ich traute es mir nicht zu“, erklärt der Schauspieler. Das gehe vielen Farbigen in Südafrika so, ein Ergebnis der Apartheid-Politik. „Doch jetzt fühlt es sich so an, als sei ich neu geboren. Und wenn wir das Stück ,Schattenboxer‘ in Südafrika spielen, werden viele farbige Südafrikaner erlöst.“ Davon ist Dlamini überzeugt. In den kommenden beiden Woche soll Nachricht eintreffen, ob das Auswärtige Amt und das südafrikanische Kulturministerium eine Tournee durch Dlaminis Heimat fördern.

Die Produktion „Schattenboxer“ steht von Freitag, 16., bis Sonntag, 18. Januar, sowie vom 20. bis zum 22. Februar wieder auf dem Programm in dem ehemaligen Supermarkt im Cheltenham-Haus in der Friedrichstraße in Göttingen. Die Vorstellungen beginnen um 20 Uhr. Karten gibt es in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Jüdenstraße 13c in Göttingen und Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt.

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