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Zurmühle inszeniert Shakespeares „Macbeth“

Premiere am Deutschen Theater Zurmühle inszeniert Shakespeares „Macbeth“

In der Besetzungsliste der Inszenierung „Macbeth“ am Deutschen Theater (DT) Göttingen taucht nur eine Frau auf. Doch William Shakespeare hat drei Hexen in seinem Stück vorgesehen. „Macbeth“ ohne Hexen? DT-Intendant Mark Zurmühle hat die Hexen mit Männern besetzt.

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Überbordende Spielfreude: Katharina Heyer, Alois Reinhardt, Meinolf Steiner, Roland Bonjour, Andreas Jeßing und Jan Exner (von links).

Quelle: Müller

Geht denn das? Klar geht das. Zurmühle hat bei dieser Produktion weitere Wagnisse unternommen – und alles richtig gemacht, wie die denkwürdige Premiere am Sonnabend in dem Haus am Wall eindrücklich zeigte.

Macbeth ist der Held. Seine Kraft, sein Mut sind unvergleichlich. Er ist ein Fels in der Schlacht der Truppen des schottischen Königs Duncan gegen die Aufständischen um ihren Anführer Than von Cawdor. So jemanden stellt man sich breitschultrig vor, ernsthaft, ehrfurchtgebietend und kraftstrotzend. Doch Zurmühle zeigt eine andere Variante, die überraschend naheliegend ist. Er lässt Macbeth und seine Kampfgefährten bis in die Haarspitzen testosterongefüllt herumprollen. Sie sind jugendliche Gockel, die versuchen, sich mit Handstandüberschlag zu übertrumpfen. Sie tragen ihre Rangeskämpfe wie Breakdancer aus. Auch bei denen heißt der Wettstreit Battle, Schlacht eben. Der Ernst des Lebens kommt später. Wenn die Prophezeiung der Königswürde den Ehrgeiz weckt, wenn der jugendliche Überschwang den Verheißungen einer profitablen Karriere weicht. Und die fordert eben Opfer. Da ist Shakespeare so aktuell, dass niemand aktualisieren muss.

Zweifelnd und zaudernd tritt Macbeth seinen Weg an die Spitze an. Er ist loyal. Doch Lady Macbeth weist ihm den Weg. Hinter jedem starken Mann steht eine noch stärkere Frau. Sie legt jegliche Skrupel ab und treibt den Gatten zur Bluttat.
Alois Reinhardt als Macbeth und Katharina Heyer als seine Ehefrau zeigen diese Entwicklung enorm facettenreich. Hier werden keine Figuren vorgeführt sondern Charaktere in ihrem ganzen abgründigen Reichtum gezeichnet. Sie sind verspielt, liebevoll, entschlossen, zielstrebig, aufopferungsvoll und zutiefst unmoralisch. Einmal in der Spirale des Todes gefangen, gibt es keinen Ausstieg. Sie stehen an der Spitze eines Ensembles, dass dem viel strapazierten Attribut Spielfreude neue Bedeutung verleiht.

Roland Bonjour ist als Banquo ein treuer Freund von Macbeth und später eine quälende Erinnerung. Beim Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater in Bern haben sich Reinhardt und Bonjour kennengelernt. In ihren ersten Jahren am DT haben sie zusammengewohnt. Diese Nähe und auch Zuneigung merkt man ihrem Spiel an.

Ronny Thalmeyer ist König Duncan mit viel Größe und voller Außenmaß im Spiel. Passgenauer ist eine Figur in einem Ensemble nicht einzugliedern. Meinolf Steiner hat grandiose Szenen als Königssohn, der um seine Charakterschwächen weiß. Sein Pathos ist verblüffend unpathetisch und voller Anmut. Andreas Jeßing setzt als Macduff dem Spuk schließlich ein Ende. Doch vorher ist er gemeinsam mit Steiner und Jan Exner ein düster-komisches Hexentrio. Und Exner schaffte einen bemerkenswerten Spagat. Neben vier Rollen auf der Bühne steuerte er auch noch die atmosphärisch dichte Musik mit Loops und Sounds am Rechner neben der Bühne, die Eleonore Bircher in Anlehnung an die Schlichtheit elisabethanischer Vorbilder aus der Zeit Shakespeares aus zwei schlichten weißen Flächen zusammengesetzt hat. Einzige Requisite ist eine Krone, die nicht immer würdevoll herumgereicht wird.

Zurmühle ist in seiner Reihe der Shakespeare-Inszenierungen wieder ein großer Wurf gelungen. Zwei Stunden dauert die Vorstellung. 120 Minuten prall voll mit Emotionen, Dramen, Tod und Verzweiflung, inszeniert mit viel Fingerspitzengefühl – und ohne einen Tropfen Blut. Ein bewegender, immer wieder auch verschmitzter Abend, den das Premierenpublikum begeistert mit Bravo-Rufen feierte.

Die nächsten Vorstellungen: 17., 23. und 25. Februar sowie am 3., 8., 11. und 15. März um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

Von Peter Krüger-Lenz

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